Freitag, 24. August 2012

VERACHTUNG - Im 4. Carl Mørk-Fall fehlt jeglicher Thrill













Krimi-Rezension von Petra Weber

Eine Reihe vermisster Personen aus dem Jahr 1987, die durch eine Person und deren entsetzliches Schicksal verbunden sind: Nete Hermansen. Eine junge Frau ohne jede Chance auf ein selbstbestimmtes Leben, von Menschen grausam misshandelt, wird zwangssterilisiert durch einen fanatischen Arzt und verbannt nach Sprogø, der Insel für ausgestoßene Frauen. Sie nimmt grausam Rache ... (Verlags-Info)

Bei diesem Klappentext trifft traurigerweise zu: "What you see is what you get". Hier hat der Verlag mit ein paar Zeilen erfasst, wozu das Buch 538 Seiten braucht. Und mehr bekommt man nicht.

Als eingefleischter Adler Olsen-Fan  war ich nach dem ersten Kapitel zunächst begeistert. Sieben Seiten,  die spannende Stunden verhießen. Doch dann offenbart der Autor innerhalb kürzester Zeit Täter, Opfer, Anzahl der Opfer, Todeszeitpunkt, Motiv und wer entkommt.

Da bleibt nicht mehr viel, um Spannung zu erzeugen. Im Gegensatz zu den drei Vorgängerromanen gilt es auch nicht, mit jemandem zu zittern, dem der Autor ein hoffentlich ausweichbares Ende entgegenschreibt.

Stattdessen wird wiederholt aus verschiedenen Quellen geschildert, mit welcher perfiden Idee eine tiefbraun durchtränkte Partei  in die dänische Regierung einzuziehen gedenkt, bis auch der Letzte verstanden hat, dass es hier um menschlichen Abschaum geht.

Und wie Nete Hermansen jahrelang Opfer dieser Machenschaften wurde. Dabei büßt diese Protagonistin mit Voranschreiten der Geschichte immer mehr an Glaubwürdigkeit und Authenzität ein. Jeder(!) Mensch, der ihren Weg ab dem sechsten Lebensjahr kreuzt, vergewaltigt, missbraucht, demütigt oder foltert die bäuerliche Analphabetin bis eines Tages sich das Blatt für die inzwischen Jugendliche wendet und märchengleich aus der verstoßenen Schulversagerin eine erfolgreiche Chemielaborantin wird, die den Firmenchef ehelicht und im Jahr 1987 Rache nimmt.

Ich soll nicht zu viel verraten? Nun, das tue nicht ich, sondern der Autor tut dies gleich am Anfang des Buches selbst. Adler Olsen beschert dem Leser keine Person, an die er sein Herz wirklich hängen kann. Die einen sind zu brutal, die anderen absolut unecht. Zur Erzeugung von Spannung reiht er dann immer wieder die gleichen Gräueltaten (Vergewaltigungen/Mißbrauch) in einer unglaubwürdigen Kette aneinander, so dass man als Leser erschreckt feststellen muss, dass dies zu einer Gewöhnung an das Grauen führt mit dem Ergebnis, dass man sich (und das ist wirklich erschreckend) langweilt.

Bliebe noch Carl Mørk und das Kommissariat Q. Hier bewegt sich Adler Olsen zunächst auf den bekannten drei Zeitebenen: Gegenwart (der Sinn dieses "Litauer-Falls" erschließt sich gar nicht),  Zeit des traumatischen Ereignisses mit seinem Kollegen Hardy und eine alte Kriminalakte. Doch diesmal fügt er noch eine vierte Zeitebene ein: Mørks Jugend. In sattsam bekannter Krimi-Manier macht er dann seinen Ermittler gleich in zwei unterschiedlichen Kriminalfällen zum Haupt-Mordverdächtigen.

Die Entwicklung der "Rose" wird immer bizarrer, während die Figur Assads gewohnt geheimnisumwoben -ohne weitere Aufklärung- bleibt. Das Polizeipräsidium an sich entwickelt sich zu Absurdistan, wo zwischenzeitlich außer der Abteilung Q niemand zu finden ist oder alle auf der Toilette sind, weil ein Magendarmvirus sie heimsucht und nur das Mørk-Team, trotz Virus, 24 Stunden ohne Schlaf und mit allen Folgen der Erkrankung unbeirrt durchhält.

Dieser Virus gibt dem Autor u.a. die Gelegenheit, das in diesem Band weiter stark abfallende Spachniveau seines Kommissars nicht nur mit völlig überzogenen Vergleichen (z.B. "Pygmäe mit Maccaroni-Fingern/ Nilpferd beim Blockflöte spielen" S.23), sondern auch mit jeder Menge Toilettengepflogenheiten anzureichern. 

Persönliche Meinung: Ich hätte mir einen beherzten Lektor für dieses Buch gewünscht.

Da man nicht wie bei den Vorgängerromanen (ERBARMEN, SCHÄNDUNG, ERLÖSUNG) gespannt durch die Seiten fliegt, fallen übermäßige Übertreibungen, Füllsätze ohne Sinn, die in ihrer fehlenden Beziehung zum Vortext verwirren, Tiefen im Sprachniveau (Übersetzer oder Autor?), Wiederholungen aus dem Vorgängerroman (erneut versucht jemand mit einem Feuerzeug in einem abgesperrten Haus auf sich aufmerksam zu machen) und immer wieder Spoiler des Autors, der viel zu früh viel zu viel preisgibt, besonders auf.

Geradezu wie im Märchen geht es in VERACHTUNG zu. Der böse Alte quält ohne Ende die leidende Schöne. Dabei ist der 88jährige Böse -wie es sich im Märchen gehört- nicht nur in der Lage mit verschiedenen Handys zu jonglieren, nein er ist auch stolzer Besitzer eines iPhones (Produktplacement?), das er wohl reichlich mit Apps selbst bestückt hat, denn er kann nicht nur mühelos damit umgehen, er hat natürlich auch eine Anwendung, die ihn ermitteln lassen kann, wo gerade auf der Welt in welchem Winkel die Sonne untergeht. Weit ab von jeder Realität, verfehlt der Autor damit den Weg unter die Haut seiner Leser.

Dass Realität nicht Adler Olsens Maßstab ist, an dem er seine Texte orientiert und er dem entsprechend wieder seinen Protagonisten körperlich Unglaubliches abverlangt, hatte ich zwar in den letzten Thrillern schon verziehen, genauso wie die sich bis zur Verwechslung ähnelnde Titel- und Covergestaltungen, doch diesmal übertreibt er es so massiv, dass es den Lesefluss erheblich hemmt.

Erst ganz am Ende, auf den letzten 30 Seiten, hält Adler Olsen seine einzige Überraschung dieses Romans bereit. Zu spät, denn bis dahin dürften nur Adler Olsen-Fans wie ich überhaupt noch weitergelesen haben.

Die beiden Mordfälle, in denen Carl Mørk verdächtigt wird, klären sich natürlich nicht auf. Sie dienen als simple Cliffhanger, um weitere Verkäufe zu garantieren. In dieses Bild passt auch, dass erstmals die Erstveröffentlichung als "gebundenes Buch" erscheint und damit geschlagene 5 Euro also 33% teurer ist als alle bisherigen broschierten Thriller und der nächste Adler Olsen-Thriller (kein Mørk-Fall, sondern ein altes Werk aus 2006) schon für Januar in den Startlöchern steht.

Fazit: Die gute Grundidee und das ehrenhafte Anliegen des Autors auf ein trauriges Kapitel dänischer Geschichte auf literarischem Wege aufmerksam zu machen, ist in einem Roman mit ungünstigem Story-Aufbau und falschem Timing, handwerklichen Fehlern und zu vielen Übertreibungen auf Kosten jeder Empathie mit Protagonisten, Glaubwürdigkeit von Personen und Handlungen oder gar Spannung untergegangen.

Ich empfehle deshalb erstmals bei einem Adler-Olsen-Buch lieber zum Hörbuch von DAV zu greifen, da die Kürzungen dem Text Tempo geben und der Sprecher Wolfram Koch es schafft, zusätzlich durch seine Interpretation Spannung in die Geschichte zu bringen.

VERACHTUNG ist gebunden (544 Seiten) bei dtv in einer Übersetzung von Hannes Thiess für 19,90 Euro erschienen.

Das Hörbuch VERACHTUNG wird am 01.09.2012 als gekürzte Lesung von Wolfram Koch gesprochen auf 6 Audio CD mit 476 Min bei DAV  für Euro erschienen.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diese Rezension. Schade. Ich mag den Ermittler sehr gerne. In diesem Fall überlege ich es mir tatsächlich, das Buch überhaupt zu lesen.

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  2. Nun, dies ist nur eine einzelne Leser-Meinung. Es ist immer empfehlenswert, sich mehrere Meinungen einzuholen, denn bei Tausend Lesern für ein Buch findet man 1001 Meinung dazu ;-)
    Ich bin übrigens immer noch Adler Olsen-Fan und werde wegen eines einzelnen Buches, das mir persönlich nicht so zugesagt hat, nicht aufhören, das Sonderdezernat Q. weiter zu beobachten.

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