Samstag, 10. Dezember 2011

SHERLOCK HOLMES Das Geheimnis des weissen Bandes - Beste Pastiche seit Jahren!












Krimi-Rezension: Nicole Glücklich
(Readaktions-Mitglied Bakerstreet Chronicle)

Offiziell als 61. Geschichte des Holmes’schen Kanons angekündigt, entführt uns Anthony Horowitz noch einmal in das viktorianische London der Zeit, kurz bevor Holmes auf seinen Widersacher Prof. Moriarty trifft:

Die Geschichte beginnt im Winter 1890, als Holmes in einem Fall zurate gezogen wird, da sein Klient von einem Mann mit einer Schiebermütze belästigt wird. Holmes erfährt, dass der Ursprung dieser Verfolgung in Amerika liegt, wo eine kriminelle Bande bei einem Überfall auf einen Zug Gemälde zerstörten und einer der beiden Anführer der Bande bei der späteren Verfolgung getötet wurde.

Sein Bruder scheint nun Rache nehmen zu wollen. Was zuerst so simpel scheint, wird schließlich immer verwickelter und führt in eine ganz andere Richtung. Als Holmes endlich die Zusammenhänge aufzudecken droht, muss er feststellen, dass er es mit einem ganz skrupellosen Gegner zu tun hat und findet sich selbst des Mordes angeklagt im Gefängnis wieder.

Doch Holmes wäre nicht Holmes, wenn er den Fall nicht lösen könnte.

Nach dem Lesen der ersten Seiten sagte ein befreundeter Sherlockianer zu mir: „Es ist wie nach Hause zu kommen.“ Und das ist es in der Tat. Alles ist da: Holmes, Watson, der prasselnde Kamin in der Baker Street und Mrs. Hudson, die einen neuen Klienten ankündigt.

Als wäre Holmes nie weg gewesen. Als wäre es „immer noch 1895“, wie die Sherlockianer zu sagen pflegen, auch wenn diese Geschichte ein paar Jahre früher spielt. Anthony Horowitz hat den Geist Sir Arthur Conan Doyles kleinem Universum erkannt und adaptiert – und das können nur die wenigsten Autoren.

Persönliche Meinung:
4**** (von 5 möglichen)

Anthony Horowitz ist ein international anerkannter Autor aus Großbritannien. Neben diversen Romanen und Jugendbüchern schrieb er auch fürs Theater sowie Drehbücher für Filme und Fernsehserien wie beispielsweise die Poirot-Serie. Horowitz’ eigenes Leben liest sich selbst wie ein Roman. Seit 1979 ist er freischaffender Schriftsteller und lebt heute mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen im Norden Londons.

Dass Horowitz ein erfolgreicher, kreativer und wirklich guter Autor ist, möchte ich an dieser Stelle nicht in Frage stellen, was er jedoch sicher nicht ist, ist ein Sherlockianer. Obwohl er Doyles Stil perfekt kopiert, hat er doch in manchem Fall kein rechtes Gespür für die beiden Protagonisten.

So wirkt Watson regelrecht gefühllos, als er erzählt, dass seine Frau womöglich an den Folgen seiner mangelnden Achtsamkeit stirbt, während Holmes sich den Tod eines Straßenjungen derart zu Herzen nimmt, dass er dafür sogar eine Straftat begeht. Und ohne zu viel verraten zu wollen: Holmes, der sich in den dunkelsten Kaschemmen Londons herumtreibt, wäre sicher nicht so blauäugig, um über die Lösung des Falles entsetzt oder gar überrascht zu sein.

Leider ist die Geschichte zudem auch mit so vielen Anspielungen auf den Kanon gespickt, wie sie nur ein Nicht-Sherlockianer in eine Geschichte einbringen würde, um zu zeigen, dass er von der Materie Ahnung hat. Ebenfalls ein wenig störend ist der erhobene Zeigefinger, mit dem z.B. das Thema Drogen in der Geschichte behandelt wird.

Auch wenn der Conan Doyle Estate „Das Geheimnis des weißen Bandes“ offiziell zur 61. Geschichte des Holmes-Kanons erkoren hat, so bleibt doch auch diese Pastiche eine Pastiche. Was man Horowitz aber zugute halten muss: es ist die beste Pastiche seit Jahren!
 
"Sherlock Holmes Das Geheimnis des weissen Bandes" ist gebunden (350 Seiten) beim  Insel Verlag in einer Übersetzung von Lutz W. Wolff für 19,95 Euro erschienen.

Das Hörbuch ist bei GoyaLit Jumbo Neue Medien als gekürzte Lesung erschienen, umfasst 4 Audio CD und wird von Johannes Steck, der hier Dr. Watson als Erzähler verkörpert -wie immer- charismatisch und lebendig gelesen. Die Hörbuchfassung kostet 16,99 Euro.

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