Donnerstag, 17. März 2011

WO DIE LÖWEN WEINEN - Eine (antike) Tragödie im Stuttgart des 21. Jahrhunderts

Rezension von Nicole Glücklich

Oberflächlich betrachtet ist Steinfests Roman, wie derzeit sehr viele Bücher in Deutschland, ein Regionalkrimi, der jedoch ein Thema behandelt, das die meisten Menschen hierzulande entweder selbst betroffen oder zumindest betroffen gemacht hat: Stuttgart 21 – jener waghalsige, Milliarden verschlingende Plan, den Stuttgarter Bahnhof unter die Erde zu bringen, der so viele Menschen zu Protesten auf Stuttgarts Straßen lockte.

Alles beginnt der Demütigung eines 15jährigen Jungen, mit dessen Aufklärung Kommissar Rosenblüt beauftragt wird. Dafür muss er zurück in die Heimat des Jungen und seine eigene: Stuttgart. Doch nicht nur ihn hat es in die Schwabenmetropole verschlagen, sondern auch Wolf Mach, ein Archäologe, der eine merkwürdige Apparatur untersuchen soll, die unter dem Schlossgarten gefunden wurde und die sich partout nicht vom Fleck bewegen möchte, sowie Hans Tobik, dem das Leben übel mitgespielt hat und der sich an den Leuten rächen möchte, die „seiner“ Stadt so etwas antun. Plötzlich sieht sich Rosenblüt nicht nur mit einem Bagatellvergehen sondern mit einer aufgebrachten Menge von Demonstranten, Waffenhändlern und einem potentiellen Attentäter konfrontiert.

Persönliche Meinung: 4 **** (von 5 möglichen)

Heinrich Steinfest und der Theiss Verlag haben mit „Wo die Löwen weinen“ sympathischerweise ein Buch für all jene geschaffen, die sich noch daran erinnern können, dass es vor der neuen deutschen Rechtschreibung auch mal eine alte gab. Und dies vermutlich ein wenig mit dem Hintergedanken, die Leute daran zu erinnern, dass die Rechschreibreform eine genauso teure wie unnötige Schnapsidee war wie auch das in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit geratene Stuttgart 21.

Dass sich Steinfest, selbst geborener Wiener und seit mehr als einem Jahrzehnt Stuttgarter, als Sprachrohr der Projekt-Gegner versteht, wird mit jedem Satz des Romans deutlich, ebenso jedoch auch, dass es auf jedes noch so tragische Ereignis eine komische Sicht gibt. Steinfest versteht es mit seiner wunderbaren und niveauvollen Erzählweise, die verständliche Wut und Ohnmacht der Betroffenen zu beschreiben, ohne zu marktschreierisch oder gar propagandistisch zu erscheinen.

Leider wird den meisten Lesern der viel subtilere rote Faden der Geschichte nicht unbedingt auffallen. Das Buch gliedert sich gleich einer antiken Tragödie, nachdem die dramatis personae vorgestellt wurden, in drei, augenzwinkernd mit Filmzitaten eingeleitete Akte, welche sich wiederum in einzelne Szenen aufteilen – der normale Leser würde sie Kapitel nennen.

Dreh- und Angelpunkt ist die Deus ex machina: ein Stilmittel des antiken Theaters, das in ausweglosen Situationen eine Gottheit auf den Plan rief, die aus dem Nichts auftauchte und dem Protagonisten eine Lösung für sein Dilemma bot oder das Problem gleich selbst löste. Hinweise auf diesen „Geist aus der Maschine“ sind im Roman zuhauf zu finden. Selbst die letztendliche Lösung des Falls „durch einen Zufall“ muss in dieser Konstellation als moderne Deus ex machina interpretiert werden.

So wirkt der Roman wie das durchkomponierte Werk eines Künstlers. Allerdings fällt die eigentliche Geschichte neben Steinfests kreativer Komposition spürbar ab. Teils unlogische Handlungsstränge und wenig glaubwürdige Figuren schmälern das Lesevergnügen. Trotz allem bleibt die Geschichte aber in ihrer philosophisch-metaphysischen Beschaffenheit weitgehend stimmig, auch wenn man sie wohl eher als Kunstwerk denn als schlichten Kriminalroman verstehen muss.

Der Kreis schließt sich im Epilog, als Steinfest seiner Deus ex machina das Wort erteilt. Leider verpufft diese einfallsreiche Pointe jedoch schon einen Augenblick später ob Steinfests Zwang, alles bis zum Ende aufklären zu müssen. So nimmt er dem Leser bedauerlicherweise den Spielraum, eine eigene Erklärung für die Ereignisse zu finden.

WO DIE LÖWEN WEINEN ist als gebundenes Buch (300 Seiten) im THEISS Verlag für 19,90 Euro erschienen.

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