Mittwoch, 15. Dezember 2010

MORTIMER - Ein Hörbuch für lange Kamin-Abende (vom Schöpfer der Biene Maja)

DER GETRIEBENE DER DUNKLEN PFLICHT
Autor: Waldemar Bonsels
Verlag Edition Apollon
Auflage: 2010
Sprecher: Michael Seeboth
Audio CD mit 480 Min
ungekürzt
Preis: 17,88 Euro



Krimi-Rezension von Nicole Glücklich

Im Berlin der 30er Jahre kreuzen sich die Wege des Kriminellen Mortimer, der Bardame Jelly Gordon, des Glücksritters Gösta Lindgren und der Polizeibeamten Krux und Dr. Growland für eine kurze Zeit und in dieser halbseidenen Welt des Glücksspiels und käuflichen Zuneigung muss sich jeder für eine Seite des Gesetzes entscheiden.

„Mortimer“ ist wahrlich kein klassischer Krimi, aber Waldemar Bonsels ist auch kein klassischer Krimi-Autor. Der 1880 geborene Schriftsteller war in den 20er Jahren einer der meistgelesenen Autoren Deutschlands und obwohl die meisten heute spontan vermutlich keinen einzigen Buchtitel mit seinem Namen in Verbindung bringen können, hat er doch etwas geschrieben, was jeder von uns kennt: die Biene Maja! 

Dass Bonsels derart in Vergessenheit geriet, hat wohl nicht zuletzt mit der NS-Zeit zu tun, in der seine Bücher größtenteils (bis auf Biene Maja) verboten wurden. Danach fand er nie wieder zu seiner einstigen Popularität zurück und starb 1952.

Die Kriminalgeschichte um Mortimer, die weniger von den Geschehnissen um Raub oder Mord lebt als vielmehr von einer inneren Zerrissenheit, Zweifel und Liebe, beleuchtet mit ironischem Scharfsinn die seelischen Abgründe seiner Figuren und bleibt trotz einer gewissen neoromantischen Verklärung stets spitzzüngig. 

Was den Protagonisten Mortimer angeht, so steht dieser in der Tradition der Gentleman-Gauner wie A. J. Raffles, Arsène Lupin oder Herr Collins: er ist ein Mann, der sich in gehobenen Gesellschaftsschichten bewegt, mit seinem Charme und Esprit Damen und Gentlemen gleichermaßen für sich einnimmt und diese Menschen gleichzeitig aus tiefstem Herzen verachtet. 

Er fühlt sich nicht als Teil dieser Gesellschaft, ja vielleicht nicht einmal als Teil irgendeiner Gesellschaft, und sucht die Nähe dieser Verhassten einzig aus dem Grund, dass er Informationen und Gelegenheiten erhält, sie um ihren Reichtum zu erleichtern.

Leider fehlt Waldemar Bonsels' Geschichte die Leichtigkeit, mit der seine Kollegen E. W. Hornung, Maurice Leblanc oder vor allem auch Frank Heller ihre Antihelden der Welt präsentieren; so rückt der Kriminalfall zuweilen in den Hintergrund und macht einer zynischen Gesellschaftsstudie Platz, was jedoch mitunter auch dem Entstehungsjahr (1946) geschuldet ist.

Gelesen wird die Geschichte ungekürzt in etwa 480 Minuten von dem Schauspieler Michael Seeboth, der als Sprecher bisher eher unbekannt ist. Seeboth meistert die Lesung mit Bravour, ist doch der Text teilweise überaus schwierig. Ich persönlich hätte das gedruckte Wort bevorzugt und fand es manchmal äußerst anstrengend, der Lesung zu folgen, was aber nicht am Sprecher liegt sondern an Bonsels, der, wie bereits angedeutet, eine umständliche Art hat sich auszudrücken.

Persönliche Meinung: 4**** von (5 möglichen)

Das Hörbuch eignet sich meiner Meinung nach also nicht, um auf einer Autofahrt oder nur so zwischendurch gehört zu werden, viel eher als Zerstreuung für einige ruhige Abende oder verregnete Nachmittage. Wenn man sich dann jedoch auf die Erzählung einlässt, wird man mit den Charakteren mitlachen, mitleiden und mitfiebern.

1 Kommentar:

  1. Immer wieder interessant zu sehen, was kommerziell erfolgreich ist und was nicht und trotzdem aus derselben Quelle stammt.

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