Freitag, 29. Januar 2010

LARS RAMBE - Die Spur auf dem Steg


Krimi-Rezension von Petra Weber

Wir Krimi-Leser sind ein undankbares Volk. Einerseits sind wir fest davon überzeugt, dass skandinavische Autoren gerade zu genetisch dazu verdammt sind, die furchtbarsten Gräueltaten und die grausamsten Psychopathen aus ihrer Fantasie zu entlassen, andererseits erwarten wir mit jedem Krimi, der aus dem Norden kommt, direkt einen wiedergeborenen Stieg Larsson oder doch zumindest einen zweiten Mankell, während wir mittelmäßige, anglophile Krimis in die Bestsellerlisten treiben, die wir einem Schweden oder Dänen nie abkaufen oder gar verzeihen würden.

Wer es schafft, sich von dieser Erwartungshaltung zu lösen, dem empfehlen wir DIE SPUR AUF DEM STEG des schwedischen Autors LARS RAMBE:

Strängnäs, Schweden. 1965. In der psychiatrischen Klinik des Ortes entkommt in einer eisigen Januarnacht der psychisch Kranke Göran Svensson. Doch seine Flucht endet schon wenige Meter vor der Klinik. Am nächsten Morgen findet ihn die Polizei eingefroren in der Nähe eines Stegs im vereisten See.

Neben ihm, auch im Eis eingefroren die Leiche der jungen Lisa Gröndahl. Waren die zwei verabredet? Geschahen hier Mord und Selbstmord? Die Polizei wird es mehr als 40 Jahre lang nicht herausfinden. Strägnäs, Schweden, 2005. Der Kriminalreporter Fredrik Gransjö zieht mit Frau und Tochter von Stockholm in den kleinen beschaulichen Ort. Das Großstadt-Verbrechen hinter sich lassend, widmet er sich dem Lokal-Journalismus der Kleinstadt.

Als er -eher zufällig- eine Artikel-Serie über die bereits seit 30 Jahren geschlossene Nervenklinik des Ortes und den Doppelmord an Göran und Lisa zu schreiben beginnt, ahnt er nicht, dass er dem Mörder gefährlich nahe kommen und es weitere Tote geben wird.

Lars Rambe beherrscht die Fähigkeit, auf zwei bzw. sogar drei verschiedenen Zeitebenen, dem Leser immer einen winzigen Wissensvorsprung vor dem ermittelnden Journalisten und der Polizei zu verschaffen, der dazu führt, dass man ständig "miterlebt", wie die Ermittler wichtige Details ignorieren oder nicht erkennen oder herbe Fehler machen.

Doch gerade wenn man glaubt zu wissen, was geschah und wer der Täter ist, nimmt die Handlung eine unerwartete Wendung. Das macht diesen Krimi zu einem Lesevergnügen.

Persönliche Meinung:  4 **** (von 5 möglichen)

Nicht so geglückt: Die Vielzahl der handelnden Personen und Verdächtigen, die durch die Zeitspanne von 40 Jahren einerseits noch Eltern und anderseits in der Gegenwart schon erwachsene Kinder haben, erfordert einiges an Konzentration.

Der Verlag hat das wohl geahnt und im Anhang dankenswerterweise eine erklärende Namensliste zur Verfügung gestellt.

 In guter alter Sjöwall/Wahlöö-Manier bestimmt auch in diesem Krimi neben den persönlichen Dramen und Schicksalen eine gute Portion Politik- bzw. Gesellschaftskritik die Handlung. Dieser Nebenschauplatz wäre für die Spannung nicht nötig gewesen, scheint aber für einen guten skandinavischen Krimi Pflicht.

Obwohl sich die Auflösung gegen Ende des Buches, als man die Wahrheit schon ahnt, etwas zieht, hat sich der Autor wirklich bis zur letzten Seite noch kleine Überraschungen ausgedacht, was das Herz jeden Krimi-Lesers erfreut.

Lars Rambe ist Rechtsanwalt und lebt in Stockholm. Er hat mit DIE SPUR AUF DEM STEG 2007 seinen ersten Kriminalroman vorgelegt und publizierte ihn kurzerhand selbst. Die Verkaufszahlen sprengten jede Erwartung.

Für kurze U-Bahn-Fahrten und Lesen mit häufigen Unterbrechungen sollte man zu einem anderen Krimi greifen. Aber für ein langes, graues (verschneites) Wochenende ist DIE SPUR AUF DEM STEG der richtige Krimi-Stoff.
Der Krimi ist als Taschenbuch im dtv Verlag erschienen, hat 398 Seiten und ist für 8,95 Euro erhältlich.

Das Krimi-Hörbuch hat Nicole Ludwig HIER noch einmal gesondert rezensiert

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