Donnerstag, 8. Dezember 2016

TV-Tipp: ÜBERFÜHRT Neue Folge der True Crime-Doku mit Joe Bausch: Andreas Marquardt alias Karate Andy

 © ZDFinfo / Julian Christ
TV-Tipp / TV-Kritik von Hannah Weidthaus

Joe Bausch (Gefängnis-Arzt, der auch als Rechtsmediziner im Kölner TATORT bekannt ist) begibt sich in seiner Sendereihe ÜBERFÜHRT auf die Spuren realer Verbrecher. Nach der ersten Staffel hat er sich jetzt in einer neuen Folge mit einem besonders brutalen Kriminellen und dessen Taten auseinandergesetzt: Andreas Marquardt, alias Karate Andy. Sendetermin: Samstag (10.12.16) um 20:15 Uhr, ZDFinfo. Auch danach über die ZDF Mediathek abrufbar.

Mit dem Zuhälter Marquardt, hat sich Bausch ein schweres Kaliber aus dem Berlin der 80er-Jahre herausgesucht. "Karate Andy" war der gefürchtetste Zuhälter seiner Zeit. Seine menschenverachtende Brutalität, besonders gegen Frauen, war gefürchtet.  Er machte sie zunächst mit Charme gefügig, um sie später dann zur Prostitution zu zwingen, während er im Luxus lebte. Auf Kosten der Frauen, versteht sich.

Lange Zeit unbehelligt (niemand wagte gegen ihn auszusagen) wurde Marquardt 1994 wegen Zuhälterei, Menschenhandel und illegalem Waffenbesitz angeklagt und zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt.

Andreas Marquardt hat seine Strafen abgesessen, die Frau, die es als erste und einzige gewagt hatte, gegen ihn auszusagen, lebt heute im Zeugenschutzprogramm. Die Annahme, dass Marquardt sich an ihr brutalst gerächt hätte, ist, auch wenn er heute den geläuterten Straftäter gibt, nicht unwahrscheinlich.

Joe Bausch wandelt mit seinen Dokumentationen bei ÜBERFÜHRT auf einem schmalen Grat. Einerseits gleiten solche Berichte schnell in sensationslüsternem Voyeurismus ab, anderseits bieten sie natürlich eine Plattform für Kriminelle, sich noch einmal in vergangenem Ruhm zu sonnen.

Bausch ist sich dessen angenehm bewusst. Seine fast spröde Präsentation schafft Distanz. Diese Distanz zum Täter und dessen Taten verhindert kumpelhaftes Plaudern und zollt dem Täter keine Bewunderung, gönnt ihm aber bei aller Abscheu, die Bausch nicht verheimlicht, keinen Triumph des Schockiertseins; dazu ist Bausch zu lange mit dem Metier vertraut. 

Einzig in einem Gespräch mit einem ehemaligen Opfer, das heute überraschenderweise Marquardts Ehefrau ist, spürt man Mitgefühl und Wärme, Gefühle die er Marquardt trotz dessen sozial schwierigem Hintergrund verweigert.

Dass "Karate Andy" Frauen hasste und sie das mit jeder erdenklichen Erniedrigung und Brutalität spüren ließ, ist leider auch einer Frau zu verdanken: seiner Mutter. Obwohl Bausch den Gründen von Marquardts Kriminalisierung nachgeht, obwohl der jahrelange, sexuelle Missbrauch durch die Mutter schockierend deutlich wird, entschuldigt er den Täter, der selbst Opfer war, nicht.

Der Gefängnisarzt und Schauspieler, dessen Weg schon viele Kriminelle kreuzten, lässt keinen Zweifel daran, dass letztlich auch Opfer die Wahl haben, ob sie selbst zum Täter werden oder nicht.

True Crime-Dokus bieten Krimifans Gelegenheit -sich bei aller Liebe zum fiktiven Verbrechen- von Zeit zu Zeit bewusst zu machen, dass das, was fiktional Freude macht, für etliche Menschen die reale Hölle ist, die nicht literarisch verharmlost werden darf.

ÜBERFÜHRT von Joe Bausch ist so eine Gelegenheit. Eine, die einen  am Ende mit einem flauen Gefühl im Bauch der eigenen Beurteilung überlässt.

HINWEIS:
Zur Zeit gibt es auch eine weitere interessante True Crime-Doku bei ZDFinfo, die nachdenklich macht, JUNG IM KNAST. Die Folgen sind über die Mediathek hier abrufbar

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