Montag, 9. Mai 2016

37° ICH WAR ES NICHT - Wenn's im Leben anders ausgeht als im Krimi / sehenswerte Doku im ZDF

Angehörige eines Verurteilten, deren Leben auch zerstört wurde
© ZDF/Frederik Klose-Gerlich
TV-Tipp / TV-Kritik von Hannah Weidthaus
Irgendwie will man nicht glauben, dass in Deutschland jemand unschuldig wegen Mordes verurteilt werden könnte. Nach der Sendung "37°: Ich war es nicht!" am Dienstag, 10.05.2016, um 22:15 Uhr, im ZDF wird dieser Glaube bei vielen Zuschauern Risse bekommen.

Regisseur Gunther Scholz ist zwei Verurteilung wegen Mordes nachgegangen, die laut Ermittlungen nichts miteinander zu tun haben sollen, die jedoch durch eine geheimnisvolle, unerklärbare DNA-Spur miteimander verbunden sind. 

In beiden Fällen beteuern die Verurteilten seit Jahren, dass sie unschuldig sind. Ob schuldig oder nicht schuldig kann auch die Dokumentation nicht wirklich mit letzter Gewissheit klären, dennoch bleiben zumindest beim Zuschauer große Zweifel an der Schuld und man fragt sich, warum der gute juristische Grundsatz "In dubio pro reo" für jene Angeklagten offensichtlich keine Anwendung fand.

Eine rätselhafte DNA-Spur verbindet mit einem Abstand von 25 Jahren diese beiden grausamen Verbrechen, deren Täter vielleicht noch unentdeckt unter uns weilt. 

Zum Einen:
1981, bei der Entführung der zehnjährigen Ursula Herrmann, die dabei qualvoll in einer Kiste erstickte, findet sich die mysteriöse DNA-Spur J 73.03.3 an einer Schraube dieser Kiste. Werner Mazurek (66) wird wegen des Mordes an Ursula Herrmann 2009 (28 Jahre später!) angeklagt. Das Urteil: lebenslange Haft. 

Zum anderen:
2006 wird in München die Parkhausbesitzerin Charlotte Böhringer ermordet. An einem Glas in ihrer Spülmaschine findet sich die gleiche DNA, auch am Knauf einer Kommode. Ihr Neffe Benedikt Toth (41) soll aus Geldgier seine Tante auf brutalste Weise erschlagen haben. Das Urteil: lebenslange Haft. Seit zehn Jahren sitzt er in der JVA Straubing. Eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren ist bei Benedikt Toth wegen festgestellter Schwere der Schuld unmöglich. 

Auf keinen der beiden Männer, weder auf Mazurek noch auf Toth, passt die ungeklärte DNA. Es wird auch geprüft, ob diese Spuren vielleicht erst am Tatort durch einen der Ermittler entstanden sind. Das Ergebnis ist negativ. Was also hat es mit dieser DNA auf sich? 

Beide Verdächtigen werden in einem Indizienprozess als Täter verurteilt, obwohl sie von Anfang an das Gleiche sagen: "Ich war es nicht!"

Aber auch Familienangehörige und Freunde treten mit guten Gründen für die beiden Verurteilten ein. Sogar einer der ehemaligen Ermittler, ein Rechtsexpert,  beide Verteidiger und selbst der Bruder des toten Mädchens zweifeln, ob die richtigen Täter hinter Gittern sind. 

Werner Mazurek ist kein sympathischer Zeitgenosse, sogar ein Tierquäler,  doch der Bruder des Opfers Ursula Herrmann glaubt nicht, dass mit ihm der wahre Täter gefunden wurde, weshalb er sein eigenes Leiden verlängert und nun Mazurek auf Schmerzensgeld verklagt, um eine neue Untersuchung der Vorgänge zivilrechtlich in Gang setzen zu können.

Und Benedikt Toth? Ihm wurde eine Lüge gegenüber seiner Familie und Freunden über sein abgebrochenes Studium zum Verhängnis.  

Der Film zeigt sachlich -wenn auch anklagend- die Verzweiflung der Verurteilten, die Fassungslosigkeit von ehemaligen Ermittlern und Fachjournalisten, aber auch das Leid der Angehörigen. Sowohl der Angehörigen der Opfer, als auch der Angehörigen der Inhaftierten. 

Das Makabere:
Für beide Angeklagte gäbe es bessere Haftbedingungen und Entlassungsaussichten, wenn sie die Tat gestehen würden...

37° ICH WAR ES NICHT! ist eine unter die Haut gehende sehr sehenswerte Dokumentation, die jedem Krimi-Leser vor Augen führt, dass in der Realität, anders als im Krimi, am Ende Recht und Gerechtigkeit -auch in Deutschland- nicht unbedingt siegen.

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