Mittwoch, 23. September 2015

BEI ZUGABE MORD - Bitterböser, schwarzhumoriger Opern-Salzburg-Krimi

Krimi-Tipp von Liane Liebenrath

Salzburger Festspiele, ein Ereignis für Opernfans und mit dabei: Pauline „Pauly“ Miller, eine Primadonna assoluta. Ein Ausnahmetalent sozusagen, eine einmalige Stimme, die sich auf ihren Auftritt bei „Die Entführung aus dem Serail“ einstimmt.

Pauline hat nicht nur eine gewaltige Stimme, sie ist auch gewaltig, optisch nämlich. Ihre Bekleidungsgröße ist weit jenseits der eines Models, ihre Hände haben Holzfällerdimensionen, ihre Kostüme wiegen daher gefühlte Tonnen und sie kann in dem gleichen Ausmaß in dem sie voluminös erscheint auch Dramen erzeugen, nämlich gewaltig dargebracht und lautstark begleitet.

Nur Regisseur Luigi übertrifft sie bei der Selbstinszenierung, ein Anweisungssturm auf Deutsch und Italienisch trifft die Sänger, die sich, weil es extrem heiß ist und die Kostüme nicht gerade die bequemsten sind, seinen diversen Regiekartenanweisungen fügen. Vor allem sind sie aber deswegen so ungewohnt zahm weil ein Fernsehteam eine dreiteilige Dokumentation über „Die Entführung – Entstehung einer Festspiel Oper“ dreht und wer möchte sich schon gerne blamieren.

Pauline muss das Regiedrama nicht alleine durchstehen, ihre Agentin Marie-Luise Bröckinger, „Bröcki“, kleinwüchsig aber groß in der Wirkung, unterstützt sie nicht uneigennützig und schon gar nicht liebevoll, dafür aber effizient. 

Und zu Paulines Stab gehören noch Radames, ein Boston Terrier mit Narkolepsie, der sofort bei Schreck in tiefen Schlaf verfällt, sowie Yves, Sänger, gerade ohne Engagement, der eigentlich Paulines Assistent sein sollte in Salzburg, sich aber um Hund und diverse Einkäufe oder eigene Interessen kümmert. Er ist Countertenor, also einer dieser „Kastratensänger“ die genau dieses Wort nicht hören wollen.

Die sowieso hitzige Stimmung in Salzburg gerät in Wallung, als Pauline vor der Türe der riesigen Wohnung, die ihr Bröcki für die Festspielzeit in Salzburg besorgt hatte, eine Maus findet mit dem Zettel „Aus die Maus“, geschrieben mit Mäuseblut. Und Paulys größtes Problem ist, sie darf keinen Alkohol trinken bei den noch folgenden Schrecken, darunter leidet ihre Stimme.

Nie mit einem Tenor, mit jedem, aber nicht mit einem Tenor, das ist Paulines Credo. 

Auf den Schock hinauf lässt sie ihre Vorsätze sausen, um sich abends wieder einmal, nach ewigen Zeiten, mit ihrem Ensemblekollegen Jimmy nicht nur auf Spaghetti mit Fleischbällchen zu treffen. Es riecht lecker, Paulines Vorfreude auf Gaumenfreuden und sonstigen Spaß steigt beim Erklimmen der Stufen, was sie im Topf vorfindet sind allerdings nicht nur Fleischbällchen sondern Jimmys Kopf, fröhlich köchelnd. 

Der Rest von Jimmy, samt Kettensäge, liegt im Bad. Selbstmord kann da eher ausgeschlossen werden.

Laurenz Pittertatscher erhält die Aufgabe der Ermittlungsarbeit, dem Kommissar blüht noch einiges. 
Ein Ensemblemitglied nach dem anderen wird dahingerafft. Bis der Mörder endlich gefasst ist vergehen kurzweilige Lesestunden.

Tatjana Kruse vermittelt nicht nur musikalischen Hintergrund, einen Aufenthalt in Salzburg, Einblicke (ob wahr oder nicht wahr – wen interessiert es, solange es unterhaltsam ist) in die Welt hinter der Bühne, und schon die Titel der verschiedenen Kapitel bescheren einem die ersten lächelnden Momente: „Singt er noch oder stirbt er schon?“, „Tot, töter, Tenor“, „Die Primadonna im Fleischwolf“, „Stirb nicht als Jungfrau in Salzburg“ sind nur einige wenige davon.

Wahrscheinlich gewollt ist die Ähnlichkeit von Bröcki mit Frau Haller „Alberich“ beim Münsteraner Tatort, das Bild entsteht ganz am Anfang im Kopf und umso leichter ist es, all diese Szenen mit Bröcki zu durchleben.

Tatjana Kruse gelingt es, die Verbrechen im Vordergrund zu halten, dazu jede Figur auszuarbeiten, so dass sie bis zum Ende des Buchs unverwechselbar bleiben und Salzburg zwar zu durchschreiten, die besten Winkel der Festspielstadt zu erwähnen, aber keinesfalls zu einem Reiseführer verkommen zu lassen. Es ist ein Krimi für lustige Stunden, für Opernliebhaber aber nicht nur zwingend für solche, und was der Osterhase mit diesem Buch zu tun hat, kann jeder beim Lesen des Buchs selbst ergründen.

BEI ZUGABE MORD
Autorin: Tatjana Kruse
Format: broschiert
Seitenzahl: 248
Verlag: Haymon
Preis: 9,95 €
eBook-Version: 7,99 €

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