Sonntag, 12. Juli 2015

BLICK IN DEN ABGRUND - Profiler-Dokumentation in der ARD

© SWR/Belle Epoque Film
Fernseh-Tipp / Fernseh-Kritik von Liane Liebenrath

Am Dienstag (14.07.15) zeigt die ARD im ERSTEN um 22:45 Uhr die Profiler-Dokumentation BLICK IN DEN ABGRUND, die bereits im Kino lief.

Sechs Profiler, aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Ausbildungen, werden von Barbara Eder bei einem Dokumentardreh begleitet.

Die Finnin Helinä Häkkänen-Nyholm ist klinische und forensische Psychologin, der Fall mit dem sie sich während des Films beschäftigt ist das Profil eines Täters, der über 20 Mal rund um den Augenbereich seines Opfers einsticht. Unaufgeregt, ruhig, überlegt und mit Recherche geht sie an die Bildung einer eigenen Meinung heran.

Gérard Labuschagne, Pretoria/Südafrika, kam 2001 mit 29 Jahren zur Abteilung und das sofort als Leiter, nachdem seine Vorgängerin Probleme mit der Bewältigung der vielen schrecklichen Eindrücke bekommen hatte. In den letzten zehn Jahren arbeitete er an 80 Serienmordfällen und ca. 200 Serienvergewaltigungen. Sein Arbeitsansatz ist rein wissenschaftlich, die berufliche Distanz muss eingehalten werden und für Profiler wie in Hollywood hat er wenig übrig.

In Amerika beteiligen sich gleich zwei Gruppen von Profilern an der Dokumentation. In Virginia/USA ist es ein Duo, zwei pensionierte FBIProfiler, die eine eigene Privatfirma gegründet haben. Roger L. Depue und Robert R. Hazelwood, als Berater bei „Das Schweigen der Lämmer“ am Set und stolz auf eine Autogrammkarte von Ronald Reagan an der Wand ihres Büros. 

Ein besonders harsches Beispiel für Profiling ist die amerikanische Psychiaterin Helen Morrison, seit 1975 arbeitet sie mit dem Thema Serienverbrecher. Sie setzt sich vehement dafür ein Strafgefangenen Elektroden in deren Gehirne zu verpflanzen weil sie für das Böse im Menschen, besonders im Triebtäter, eine genetische Abnormität oder sogar vielleicht einen sichtbaren Defekt in deren Gehirnsubstanz erwartet – der Triebtäter wird also ihrer Meinung nach "böse" geboren.

Der Deutsche Stephan Harbort, Kriminalist und Experte für Täterprofile, beschäftigt sich in dieser Dokumentation ausführlich mit Vergewaltigungen.

Barbara Eder möchte die verschiedenen Profiler in ihrer gewohnten, oft auch häuslichen Umgebung zeigen. Wie leben sie, wie arbeiten sie, wie gehen sie mit dem Bösen in ihrem Leben um? Manchmal erhält sie darauf eine Antwort, meist aber nicht.

Wie stellt man sich einen Profiler vor? Doch so wie im Schweigen der Lämmer? Dann sollte man die zwei amerikanischen Teams eindeutig bevorzugen. Während die pensionierten Profiler wirklich sinnvolle Tipps zur Verbrechensverhütung geben ist die in Chicago lebende Helen L. Morrison, geboren 1942,  eher auf der Selbstinszenierungsschiene. 

Bekannt wurde sie dafür, als Zeugin der Verteidigung des Serienkillers John Wayne Gacy, dem sie attestierte dass er nicht zurechnungsfähig wäre auf Grund eines Mutterkonflikts. Das half Gacy nicht viel, er wurde hingerichtet, sein Gehirn entfernt und Dr. Helen Morrison als ihr nunmehriges Eigentum ausgehändigt. 

Als Morrison in dieser Doku mit ihrem ungefähr 20jährigen Sohn, einer Tupperbox und einem darin befindlichen, in Scheiben geschnittenen Gehirns, ihr Bügel- und Wäschezimmer betritt, um dort den Tupper-Inhalt vor den Zuschauern auszubreiten, kann man zuerst nur hoffen, es wäre kein menschliches Gehirn. Ist es aber doch. Spätestens hier wird ihr Auftritt in diesem Film "verwunderlich".

Der deutsche Profiler Harbort liefert ein, für europäische Verhältnisse, ebenso verwunderliches Bild seines Arbeitsalltags. Der Zuschauer soll glauben, er sitze gemeinsam mit anderen Zugpassagieren in einem Abteil und diktiert offen und laut Details einer Vergewaltigung in sein Diktaphon, während die in der Umgebung Sitzenden entsetzte Augen machen. 

Auch später tragen seine ausführlichen, brutalen und brechreizerregenden Detailschilderungen einer Vergewaltigung nicht zur Abrundung des Interviews durch Barbara Eder bei.

Immer wieder kehrt die Dokumentation nach Finnland zurück, die ruhige Art und Darstellung von Häkkänen-Nyholm ist ein Stützpfeiler dieser 90 Minuten. 

Südafrika ist schonungslos, bleibt aber pietätvoll, die Kriminalistik in diesem schwierigen Land steht im Vordergrund. Was allerdings Amerikas und Deutschlands Profiler dem Zuschauer vermitteln sollen, bleibt wohl Barbara Eders Geheimnis.

Wichtiger Hinweis:  Zuschauer sollten bedenken, dass naturgemäß authentische Gewaltszenen und überdeutliche Beschreibung von Gewalt in dieser Dokumentation zu sehen sind, weshalb diese Sendung nicht zufällig erst sehr spät gezeigt wird und die im Handel erhältliche DVD "BLICK IN DEN ABGRUND -Profiler im Angesicht des Bösen" (Studio: W-film / Lighthouse Home Entertainment) eine FSK von 16 Jahren hat.

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