Montag, 8. September 2014

MORD MIT AUSSICHT - Mann, Mann, Mann! Was haben die mit unserem Hengasch gemacht???

© ARD/Michael Böhme
TV-Kritik von Petra Weber

Wenn in der ARD  (09.09.14)  um 20:15 Uhr die 3. Staffel MORD MIT AUSSICHT beginnt, müssen Hengasch-Freunde sich auf eine ziemliche Fallhöhe einstellen, denn "Sophies Welt" (wie die Folge heißt) ist nicht mehr die, die wir kannten und liebten.

Bei der Handlung dieser Episode kann man nicht viel spoilern, es gibt nämlich keine. Die Geschichte beginnt, wo die letzte Staffel aufhörte, am Tag der Hochzeit von Sophie Haas (Caroline Peters) und Dr. Kauth (Arndt Klawitter), die dann ja bekanntermaßen nicht stattfand.

Und von da an fragt man sich 45 Minuten lang, wo das alte Hengasch-Feeling geblieben ist. Es passiert rein gar nichts. Bärbel Schmieds (Meike Droste) Haare sind plötzlich -quasi über den Verlauf von ein paar Minuten Realzeit- länger, was ihr das Pfiffige nimmt und mit einem billigen Witz überspielt wird, Heike Schäffer (Petra Kleinert) quält sich nur im schrillen (Wurstpellen-)Outfit, Ehemann Dietmars (Bjarne Mädel) Bauchkissen wurde um ein paar Pfund aufgeplustert. All das, weil es wohl jemand für besonders lustig hielt.

Verschwunden sind der feinsinnige Humor, die würde- und respektvolle Zeichnung der nur auf den ersten Blick schlichten Charaktere in Hengasch, die dem fiktiven Ort eine liebenswerte Dreidimensionalität verliehen. Geblieben sind platte überzeichnete, eindimensionale Witzfiguren.

Verschwunden sind auch die liebevoll witzigen Dialoge, stattdessen erschrecken die Schauspieler, deren ansteckende Spielfreude früher den Zuschauer begeisterte, mit flauen Witzen, wie leblose Klone, die selber in Lustlosigkeit erstarren. Statt der geliebten Situationskomik verbreitet sich ein ausgesprochen deprimierend trauriges Gefühl ob der langweiligen, lustlosen Darbietung aller Beteiligten.

Unser Hengasch, Kreis Liebernich, war immer ein kleines bisschen überdrehter als die Realität, aber trotzdem immer noch so nah dran, dass es sich verdammt echt anfühlte. Dieses geographische Kleinod findet sich in "Sophies Welt" nicht mehr. 

Aus der quirligen Kommissarin, die sich bisher hin- und wieder einen Schwips gönnte, wird plötzlich eine hysterische Ziege an der Flasche, die sich so idiotisch benimmt, dass man kaum Sympathien für sie aufbringen kann, Schäffer mutiert zum depperten Langweiler und Bärbel zum verpeilten Naivchen.

Sophies Vater (Hans-Peter Hallwachs) türmt wortlos, der Fast-Ehemann ebenso. Kein Lokalkolorit, kein "Mann, Mann, Mann" und ein "Hier ist heute ja wieder was los" kommt auch nicht vor, es wäre auch schlicht gelogen.

Selbst die Hintergrundmusik wirkt seltsam deplatziert.

Am Ende, und das ist ebenso plötzlich wie sinnlos, muss man jede Hoffnung aufgeben, die Sendung könnte sich doch noch positiv entwickeln.

Nach 45 Minuten Frust bietet dann der Abspann die Erklärung für den schmerzhaften Untergang von "Mord mit Aussicht": Ganz offensichtlich schreibt Marie Reiners, die Erfinderin der Serie, nicht mehr die Drehbücher, denn sie wird nur noch mit "Serienidee", nicht mehr mit "Drehbuch" aufgeführt.

Hengasch ohne Drehbücher von Marie Reiners ist wie Muschis Kartoffelsalat ohne Mayonaise.

Als Anfang des Jahres Bjarne Mädel bekannt gab, dass er keine weiteren Folgen nach dieser Staffel mehr drehen wird, fanden Hengasch-Fans das sehr betrüblich. Nach der ersten Episode der neuen Staffel kann man ihn gut verstehen und möchte ihm zurufen: "Lauf Dietmar! Lauf so schnell und soweit Du kannst!"

Fazit:
Mann, Mann, Mann. Comedy/Komik ist eine Kunst, sie mit dem Genre Krimi zu verbinden ist hohe Kunst, die nur wenige beherrschen. Das scheint der ARD nicht wirklich klar gewesen zu sein, denn der Beginn der neuen Staffel wirkt, als habe man einen Praktikanten das Drehbuch schreiben lassen, nach dem Motto: "Mach mal, Hauptsache es wird lustig.".

Ob es überhaupt eine 4. Staffel geben wird?  Ohne Reiners Drehbücher und ohne Bjarne Mädel? Liebernich.

NACHTRAG 09.09.14:
Siehe dazu auch den lesenswerten Artikel "Noch mehr Hölle" von Hans Hoff  auf Süddeutsche.de

NACHTRAG 17.09.14:
Inzwischen erschließt sich auch das dahinterstehende Konzept der ARD. Nach der Austrahlung der 2. Episode (16.09.14) zeigte sich, dass 1 Mio Zuschauer "verloren gingen". Trotzdem ist die ARD sehr zufrieden, es waren ja nur "Alte" = 50+, die der Serie den Rücken kehren. Hauptsache die 14-49jährigen (etwas weit gefasst, diese Spanne...) sind dabei geblieben. Es scheint, hier sollten wohl die Alten ausgesiebt werden.

Zugegeben, fürs Kinderprogramm ist eine Papier-Tüte überm Kopf, ohne weiteren Sinn, lustig.

Siehe dazu auch: "Mord mit Aussicht verliert, aber gewinnt" auf Stern.de

Kommentare:

  1. Nur kurz zur Ergänzung:
    Marie Reiners hat (nur) die Drehbücher der Staffeln 1a (Folgen 1-6) und 1b (Folgen 7-13) geschrieben. In der 2.Staffel verfassten mehrere Drehbuchautoren die Scripte für die Serie und Marie Reiners wird seitdem im Abspann unter 'Serienidee' genannt.
    Benjamin Hessler, der die oben genannte Folge "Sophies Welt" geschrieben hat, schrieb bereits die Folgen "Die Venus von Hengasch", "Henghasch", "Der Antrag" und "Der Schandbaum".

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    1. Danke für die zusätzlichen Informationen. Das erklärt mir dann auch wieso ich nicht alle Folgen durchgängig gut fand, was ich bei einer Serie auch nicht erwarte. Was mir aber immer noch ein Rätsel bleibt, wieso die jetzigen Folgen so ins Klamaukige abstürzen mussten. Ich habe der Serie gestern noch eine Chance gegeben, aber das war für mich persönlich unerträglich. Ich steige aus, mehr Folgen tue ich mir nicht mehr an.

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    2. Rätsel gelöst. Hier sollten wohl Zuschauer 50+ ausgesiebt werden. Vorhaben geglückt, 1 Mio "Alte" machten bei der 2. Folge nicht mehr mit, aber die ARD freut sich trotzdem, solange die "richtige" Zielgruppe noch dabei ist und das war wohl bei den Jüngeren der Fall. Klar, das erklärt Vieles...

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