Dienstag, 5. August 2014

GEORGE GENTLY Der Unbestechliche - ZDF zeigt neue Folgen & entführt gekonnt in die 60er Jahre (TV-Kritik)

© Foto: ZDF und Peter Wolfes
TV-Tipp und TV-Kritik von Petra Weber

Produziert wurden sie von der BBC schon in 2011 und 2012, doch jetzt erst schaffen sie es endlich ins deutsche Fernsehen: die neuen Folgen der ungewöhnlichen Krimiserie "GEORGE GENTLY Der Unbestechliche" (Staffel 4 & 5), deren Drehbücher nach Romanen von Allan Hunter (1922-2005) geschrieben wurden. 

Ab Sonntag 10. August 2014 um 22:00 wird das ZDF uns wieder in sechs Episoden in die 60er Jahre entführen.

Wie bisher ermitteln Chief Inspector Gently (Martin Shaw)  und Detective Sergeant John Bacchus (Lee Ingleby) gemeinsam in der Grafschaft Durham, im Nordosten Englands, und streifen dabei "en passant" die Probleme der Zeit mit einer Treffsicherheit, die den Zuschauer für knapp 90 Minuten fast 50 Jahre in der Zeit zurück versetzt.

Unterlegt sind die Folgen jeweils mit passender Musik aus der Zeit von Beat bis Folk (der in der Episode ADEL VERFLICHTET besonders anspricht).

Wie in den vergangenen Staffeln muss der "weise" Gently seinen ungestümen, von Vorurteilen getriebenen jungen Kollegen Bacchus ausbremsen. Und während Bacchus nicht aufgibt, der holden Weiblichkeit (mehr oder weniger erfolglos) nachzulaufen, wird Gently in der Damenwelt mit offenen Armen empfangen.

Alle Episoden sind dicht und im Tempo der Zeit erzählt. Zum Teil gehen sie tief unter die Haut und lassen den Zuschauer betroffen zurück. 

Gently & Bacchus überzeugen nicht durch Action und ausgeklügelte Handlungen, ihr Potential ist das glaubwürdige Erzählen der Geschichten ihrer Zeit. Geschichten wie sie in Großbritannien, aber auch in jedem anderen Land dieser Zeit täglich passieren konnten. Voller Tragik und immer schmerzhaft.

Obwohl der Polizei schon forensische Unterstützung zur Verfügung steht, müssen sie natürlich auf DNA-Analysen, Handys, Computer etc. bei ihren Ermittlungen verzichten, doch dafür gönnen sie dem Zuschauer  einen Blick auf Kleidung und Fahrzeuge jener Tage und bringen hautnah das Geschehen in die Gegenwart. 

So wird in der Episode TÖDLICHES VERLANGEN (am 10.08.14) die "Beat-Club-Zeit" lebendig. Eine junge Schülerin wird ermordet. Ungeheuerlich in den Swinging Sixties: der Teenager war schwanger. Musik und Literatur bestimmten die Ideale der Zeit, junge Leute rebellieren mit farbenfroher Kleidung gegen das Graubraun der trostlosen britischen Bergwerksstädte (sehr schön in Szene gesetzt). Medien wie Radio und Fernsehen werden von jungen frischen Gesichtern erobert. Doch das "neue" Leben täuscht, alte Träume und Konventionen führen am Ende zur Tragödie.

CHINAS LETZTER JOB (am 17.08.14) beschäftigt George Gently persönlich. Ist er seinen alten alkoholsüchtigen Informanten, China, zu hart angegangen? Zu spät, ihn zu fragen, denn China wird Opfer eines vermeintlichen Unfalls. Im Spannungsfeld des kontroversen Verhältnisses von Polizei zu Bevölkerung in den 60ern rollt diese Folge u.a. den damaligen Umgang der Gesellschaft mit geistig zurückgebliebenen Menschen auf.

Dass ADEL VERPFLICHTET (24.08.14) wird besonders von DS John Bacchus bezweifelt. Seine alte Fehde mit dem Sprößling eines Adelsgeschlechts blüht wieder auf, als das Auto der adligen Familie mit einer toten jungen Frau aus einem See gezogen wird. Diese Folge thematisiert -fast nebenbei und doch sehr intensiv- das schwierige Verhältnis der Nachkriegsgeneration zur Homosexualität, die auch in Großbritannien bis 1967 unter Strafe stand.

BLINDER HASS (31.08.14) zwischen Schwarz und Weiß bricht unverhohlen auf, als eine tote schwarze junge Frau auf einem Feldweg gefunden wird. Erneut wird DS Bacchus von seinen eigenen Vorurteilen eingeholt. Ein schlichtes Schild mit "No Irish, no Blacks, no Dogs" bringt die Haltung weiter Teile der britischen Bevölkerung tragisch auf den Punkt.

Die sechziger Jahre waren eine schwere Zeit für ledige Mütter. ENTFÜHRT (07.09.14) wird am hellichten Tag ein adoptiertes Baby. Hat die verzweifelte ledige Mutter, ihr Kind zurück geholt? Hat der Adoptiv-Vater sich des ungeliebten Babys entledigt? Oder hat die Adoptiv-Mutter etwas Wichtiges zu verbergen?. "Mütter & Väter" sind das zentrale, zeitlose Thema der bewegenden Episode. John Bacchus wird durch ein Unglück zur tragischen Figur dieser unter die Haut gehenden Geschichte.

Offensichtlich hat George Gently TODFREUNDE (14.09.14), die aus dem "Unbestechlichen" einen korrupten Polizistenmörder machen wollen und ihn und John Bacchus in Lebensgefahr bringen. Während in den vorangegangenen Folgen der Schwerpunkt auf dem realistischen Erzählen von Geschichten über Menschen und ihre Schicksale liegt, geht es hier erstmals mehr um Spannung. Hält John Bacchus zu seinem Chef, obwohl alles gegen ihn spricht oder wählt er die langersehnte und zum Greifen nahe Karriere in London?

Freunde von Inspector Lewis erwartet ein besonderes Highlight: Kevin Whately (alias Robbie Lewis) tritt hier mit Dreitagebart in einer für ihn untypischen und ganz und gar nicht feinen englischen Art auf. Sehenswert.

Auch wenn diese Story nicht immer nachvollziehbar & logisch ist, hält sie in Atem und endet mit einem Herzschlag-Finale.

Fazit: "George Gently Der Unbestechliche" hat mich auch in diesen Staffeln mit guten, z.T. sehr
bewegenden Geschichten, mit mal mehr und mal weniger Spannung und passender Musik aus der Zeit  durch schauspielerische Leistung, gute Dialogregie und gekonnte historische Szenenausstattung voll überzeugt. Einziger echter Kritikpunkt: Die in der Serie gerne eingesetzten Filmfilter u.a. zur Erzeugung künstlicher Nacht wurden in TODFREUNDE deutlich übertrieben.

PS: Es dürfte nach der letzten Minute von TODFREUNDE von gewissem Interesse sein, zu wissen, dass bereits in diesem Jahr die 6. Staffel (4 Episoden) mit Inspector George Gently und DS John Bacchus von der BBC gedreht wurde... ;-)

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