Sonntag, 15. Juni 2014

AUSBRUCH - Manottis anschauliches Abbild Italiens zur Zeit der Roten Brigaden

Krimi-Rezension Jörg Völker

Filippo, ein 22-jähriger Kleinganove, freundet sich im Gefängnis mit dem älteren Carlo an, einem politischen Gefangenen der extremen Linken. Zusammen brechen sie aus, doch Carlo ist nicht bereit, den Jungen an seiner Seite zu behalten, er schickt ihn weg. 

Kurz darauf wird Carlo bei einem Banküberfall erschossen. Filippo flüchtet nach Paris, wo er von den politischen Exilitalienern eher unfreundlich empfangen wird. Er fühlt sich zunehmend verloren.

Während seiner Nachtwachen in einem Büroturm in La Défense beginnt Filippo zu schreiben: über die Begegnung mit Carlo im Knast, die gemeinsame Flucht und was danach geschah. Im Laufe dieser Arbeit des Schreibens, des Rekonstruierens, des Ausschmückens und Verschönerns wird Filippo zum Schriftsteller. 

Er erdichtet sich eine Persönlichkeit und erlebt eine Liebesgeschichte. Und findet sich plötzlich in einem hochkomplexen Spiel zwischen italienischen Polit-Exilanten, italienischer Polizei und italienischen Geheimdiensten! 

Ist es wahr oder unwahr, was er erzählt? Es ist die Sorte Geschichte, die einen umbringen kann … Verlagsinfo

Dominique Manotti lässt den römischen Kleinkriminellen Filippo zufällig in den Ausbruch des politischen Häftlings Carlo geraten. Die beiden hatten einige Monate die Zelle geteilt. In dieser Zeit erzählte Carlo von seiner glorreichen Zeit als Kämpfer der "Brigate Rosse" und beeindruckte Filippo sehr.

Nach der Flucht aus dem Gefängnis trennen sich ihre Wege sehr schnell, enttäuschend für Filippo. Während Filippo zu Fuß in Richtung Mailand unterwegs ist, muss er erfahren, dass Carlo ebendort bei einem bewaffneten Banküberfall getötet worden ist. 

Er befürchtet nunmehr, als Mittäter zu gelten angesichts der gemeinsamen Flucht. So macht er sich auf den Weg ins Exil nach Paris zu der von Carlo angegebenen Kontaktperson. Er wird nicht gerade freudig empfangen, schlägt sich als Nachtwächter durch und hat genügend Leerlauf, um Schritt für Schritt seinen Traum von der Anerkennung durch Carlo zu realisieren. 

Er glorifiziert diesen als seinen Helden, mit sich als Partner, sowohl beim Ausbruch als auch beim Banküberfall, obwohl er niemals dabei war und die Einzelheiten nur aus der Zeitung kennt und schreibt diese Geschichte so nieder. Das Buch wird ein Riesenerfolg. Und er zum Star, der aber bald in Italien unliebsame Aufmerksamkeit bei Polizei, Staatsanwaltschaft und den Geheimdiensten erregt.

Persönliche Meinung: 
5***** (von 5 möglichen)

Anhand dieser Geschichte in der Geschichte vermittelt Dominique Manotti die vielschichtigen und niemals ganz aufgedeckten politischen Zustände in Italien in den späten 60 er, den 70 er und den frühen 80 er Jahren. 

Kommunistenangst, Terrorverdacht und realer Terror von beiden Seiten, einmal von Staats wegen, seitens der Geheimdienste und der rechten Geheimbünde und andererseits von den Roten Brigaden haben viele Italiener das Leben gekostet und einen großen Personenkreis des Landes vertrieben. 

Keine Seite hat mit offenen Karten gespielt. Blutige Anschläge wurden so inszeniert, dass die Gegenseite als wahrer Täter erschien. Stimmungsmache war üblich.

Dominique Manotti ist es hervorragend gelungen, mit ihrer erfundenen Geschichte um Filippo die eigentliche Zeitgeschichte zu erhellen und die damaliegen Abläufe verständlich zu machen.

AUSBRUCH
Autorin: Dominique Manotti
Format: gebunden
Seitenzahl: 256
Verlag: Argument Hamburg
Übersetzung: Andrea Stephani
Preis: 17,00 Euro
eBook-Version: --

Ebenfalls von Dominique Manotti:
ZÜGELLOS - Paris Herbst 1989
DAS SCHWARZE CORPS - Paris Sommer 1944
EINSCHLÄGIG BEKANNT - Paris & seine Vorort-Probleme
ROTER GLAMOUR - Paris & seine Verstrickungen in Wirtschaft & Politik

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