Samstag, 9. November 2013

LEICHE SUCHT AUTOR - Leser sucht Sinn...

Krimi-Rezension von Petra Weber

In einer leer stehenden Fabriketage hängt die Leiche eines international bekannten Künstlers von der Decke. Auf einem Tisch steht ein Laptop, davor eine Videokamera. Ansonsten ist der Raum so gut wie leer. Die Polizei wurde von einem anonymen Anrufer alarmiert. Bis die Einsatzkräfte jedoch vor Ort sind, vergehen Tage, ein Umstand, der deshalb noch schwerer wiegt, weil der Tote ein Schild mit der Ziffer 1 um den Hals trägt ...

Ausgehend von diesem ungewöhnlichen und rätselhaften Szenario lassen zwölf renommierte Autoren ihrer Kreativität freien Lauf, spinnen die Geschichte weiter und werden selbst zu Kommissaren (Verlagsinfo).

Okay, dass man ein Experiment wagt und 12 Autoren einen fertigen Tatort mit einem Toten vorgibt, um den herum jeder Autor seine eigene Geschichte spinnen soll, kann ich verstehen. Dass man das Experiment allerdings druckt, wenn es wie im vorliegenden Fall beweist, dass das keine gute Idee ist, entzieht sich meinem Verständnis.

Ist es nun mangelndes Können, Desinteresse am Thema oder nicht vorhandene Liebe zur Literaturform Kurzgeschichte, die die sich daraus ergebenden Schwächen in Inhalt und Form bei 10 der 12 am Experiment beteiligten Autoren offenbart?

Statt einer starken Komprimierung des Textes wird z.B. in vielen der Geschichten weitschweifig drauflos fabuliert was das Zeug hält. Und da man sich der "Konkurrenz" der anderen Fabulierer bewusst ist, ist auch kein Plot zu abwegig, kein Handlungsort zu abstrus, keine Todesart zu unlogisch, als dass nicht einer von 10 Autoren  sich seiner/ihrer angenommen hätte.

Realitätsnähe mal geschenkt, wünsche ich mir doch im Kurz-Krimi einen Hauch Logik und frage mich, wie ein Protagonist sich selbst an einem Seil Richtung Decke einer Fabriketage hochzieht bis ihm die Schlagader zum Gehirn platzt und dann (lt. Vorgabe) auch nach seinem Tod noch Tage lang hängen bleibt???

Derart verausgabt geht dann auch fast allen Autoren am Ende, dem eigentlichen Höhepunkt einer Shortstory, selbst die Luft aus und statt eines "offenen oder gar überraschenden Endes" kommt nicht selten einfach ein liebloser letzter Satz, der den Leser ratlos oder wahlweise frustriert zurücklässt. Einmal sogar im Nirwana der Virtualität...

Zudem unerfreulich, dass einer der Autoren unbedingt seine bevorzugte Alkoholsorte als persönliches Markenzeichen in eine ohnehin überfrachtete Geschichte statt sinnhafter Handlung ständig einbringen muss. 

Lediglich zwei Autoren gelingt es zu überzeugen: Friedrich Ani (Wie schön war doch die Kinderzeit) & Angela Eßer (Familientag). Hier stimmen weitgehend Sprache, Handlung, Logik, Timing, Länge und Schluss. 

Fazit:
1) Gute Kurz-Geschichten sind eine Kunst, die nicht jeder beherrscht und die man nicht "mal eben runterschreibt".

2) Entweder war die Auswahl der beteiligten Autoren nicht geglückt, oder es ist einfach keine gute Idee, Autoren in das Korsett einer Vorgabe zu zwingen und ihnen einen Handlungsrahmen auch nur teilweise vorzugeben. Ganz offensichtlich braucht die Mehrzahl der Schriftsteller den Freiraum, eine Idee zu durchleben und sie im Zweifel zu modifizieren oder gar zu verwerfen. Nimmt man ihnen diesen in alle Richtungen offenen Spielraum, fabulieren sie sinnfrei oder -schlimmer noch- zimmern lieblose Texte, die Lesern keinen Spaß machen und den Eindruck erwecken, als hätten nicht mal die Autoren Freude an deren Produktion gehabt.

Im Klappentext der Anthologie nennt die Herausgeberin die Texte übrigens nicht Krimi-Kurzgeschichten, sondern "nur" Kurz-Krimis, was hoffentlich kein Indiz dafür sein soll, dass sich in Zukunft ein gleichnamiges Label mit Kurzgeschichten-B-Qualität für das Genre Kriminalliteratur etablieren wird.

LEICHE SUCHT AUTOR
Autoren: Petra Nacke (Hrsg.), Friedrich Ani, Veit Bronnenmeyer, Angela Eßer, Nina George, Norbert Horst, Thomas Kastura, Stefan Kiesbye, Christian Klier, Tessa Korber, Jörg Steinleitner, Elmar Tannert.
Format: Taschenbuch
Seitenzahl: 220
Verlag: Ars Vivendi
Preis: 14,90 Euro
Preis eBook-Version: nicht vorhanden

Kommentare:

  1. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Profi-Autoren der Aufgabenstellung gewachsen sind. Nun fällt aber nicht jeder, der sich dafür hält, in diese Rubrik …

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    1. Ich habe lange darüber nachgedacht.
      Unter den Beteiligten sind durchaus Profi-Autoren. Das Problem ist eher, dass sie alle wohl voneinander wussten und sich bemüht haben möglichst abwegige, ungewöhnliche Geschichten zu erfinden, damit es keine Doppelungen zur "Konkurrenz" gibt.

      Das hat die Geschichten meiner Meinung nach abdriften lassen.

      Vielleicht wären bessere Geschichten dabei herausgekommen, wenn die Beteiligten nichts von den anderen gewusst hätten und nicht "gegeneinander" hätten schreiben müssen.

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