Sonntag, 10. November 2013

Ich wär so gerne (Krimi-)Autor - Von Illusionen und anderen Grausamkeiten...

von Petra Weber

Der eine möchte Popstar werden, der andere Astronaut und immer mehr Menschen möchten Schriftsteller werden, nicht wenige davon Krimi-Autor.

Während man für das Erste an Dieter Bohlen vorbei muss, für das Zweite ein Raumschiff braucht, scheint hingegen das Autorendasein nur eine Tastatur weit von der Verwirklichung entfernt.

In einer Welt, in der "Du kannst alles werden, Du musst nur fest genug an Dich glauben", auf Cornflakes-Packungen steht, ist der eigene Bestseller nur noch eine Frage der Willensstärke.

Ist das wirklich so? Sind die neuen Cinderellas die Schneewittchen-Autorinnen der Gegenwart, die Goldene Gans der Zukunft?

Dann sehen wir uns mal ein paar Illusionen und die  Fakten dazu an.

Illusion Nr. 1
Die Literaturwelt wartet auf mein Buch
Auf dieses und auf rund 100.000 andere, jährlich neu erscheinende Bücher in Deutschland..

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. hat uns auf unsere Anfrage folgende Fakten zur Verfügung gestellt:

Im Jahr 2012 sind insgesamt 91.100 gedruckte Titel (Erst- und Neuauflagen) in Deutschland erschienen. Die Anzahl der Erstauflagen lag dabei 79.860 Titeln, davon sind 14.838 belletristische Titel. 

Das Segment „Spannung“ ist das zweitgrößte mit 25,9 % in 2012 (größtes Segment: erzählenden Literatur mit 51,7% in 2012).

Laut Krimi-Experten erscheinen 1.500 deutschsprachige Krimi-Novitäten jedes Jahr. Nicht mitgerechnet, der immer größer werdende Markt an eBook-Publikationen, die bisher noch nicht zahlenmäßig erfasst werden. (Sollte jemand seriöse Statistiken kennen, nehmen wir die gerne hier auf)

Was heißt das im Klartext? Ein Buch steht in direkter Konkurrenz zu Tausenden anderer Bücher, denn nicht nur die Neuerscheinungen liegen auf den Tischen der Buchhändler. Sämtliche Exemplare von seit Jahren bestehenden Serien der Bestseller-Autoren stehen dort, um ihren Platz zu verteidigen und Neuerscheinungen haben nur wenige Monate Zeit sich zu beweisen, bevor sie für immer verschwinden.

Illusion Nr. 2
Ich schreibe gut, meine Handlung ist genial, ich schaffe es in die Bestsellerlisten
Gehen wir mal davon aus, dass im günstigsten Fall Autor und Buch tatsächlich genial sind. Schon mal einen Blick auf die Bestsellerlisten geworfen? Sind es die genialen Storys, die großen Schreiber, die es auf die begehrten vorderen Ränge schaffen? 

Aber was macht denn aus einem Buch einen Bestseller? Man will es nicht glauben und doch ist es eine unvorhersehbare Kombination aus viel Glück, aufwändigem Marketing und teurer Werbung, unterstützt von guten Beziehungen und eigenem unerschütterlichem Durchhaltevermögen gepaart mit sehr viel Fleiß und Disziplin. Faktoren, deren prozentuale Anteile unkalkulierbar variieren und nur in kleinen Bereichen selbst beeinflussbar ist. Ähnlich eines Lottogewinns.

Illusion Nr. 3
Vom Schreiben kann man gut leben, sogar reich werden
Stimmt. Aber nur für eine sehr kleine Autoren-Minderheit. Man geht davon aus, dass wahrscheinlich nur etwa 3 bis 5 Prozent aller Autoren von ihrer Schreibarbeit ihren Lebensunterhalt gut bestreiten können. 

Lassen wir mal die paar Autoren wie Rowling, Neuhaus und Follett aus der Rechnung raus, wie sieht denn die durchschnittliche Verdienstmöglichkeit für deutsche Autoren überhaupt aus?

Ungeachtet der verschiedenen Vertragsmöglichkeiten und individueller Vereinbarungen, erwartet einen Newcomer bei einem durchschnittlichen, seriösen kleinen bis mittleren (Regio-)Verlag für ein gedrucktes Taschenbuch etwa Folgendes:

Tantieme: 9-10 % vom Netto-Buchpreis im Laden 
Vorschuss: bei Manuskriptabgabe rund 2.000 Euro (wird seltener)
Startauflage: 3.000 - 4.000 Exemplare (Newcomer starten selten mit wesentlich mehr)
Auszahlung: meist einmal jährlich

Typisches Praxis-Beispiel: 
Bei einem angenommenen Taschenbuch Netto-Verkaufspreis (7% MWSt. ist abgezogen) von rund 10,00 Euro wären das im allergünstigsten(!) Fall -höchste Tantiemen und alle 4.000 Bücher verkauft-

=  4.000 Euro brutto.
(Davon 2.000 Euro vorab als Vorschuss)

Bei größeren Verlagen ist der Vorschuss höher, dafür die prozentuale Beteiligung pro Buch geringer.

Ist der Autor umsatzsteuerpflichtig gehen davon 19% ab.
= 3.240 Euro

Nicht eingerechnete weitere Abzüge:
ggf. 15% vermittelnder Literaturagent
Einkommens- oder Lohnsteuer

(Es gibt endlos viele Vertragsmodelle, dies ist nur ein durchschnittliches Beispiel)

"Auszahlung jährlich" heißt: Wenn es zeitlich ungünstig läuft, vergehen von der Manusktriptabgabe bis zur ersten Auszahlung auch schon mal  2 Jahre!

Wie viele Bücher ein Autor in einem Jahr "schafft" ist individuell sehr verschieden. Einige erfahrene Autoren haben für sich ermittelt, dass sie Verträge für mindestens zwei Bücher mit einer Auflage von mindestens 5.000 brauchen, um zumindest für eine Person den Minimum-Lebensunterhalt zu erwirtschaften.

Berücksichtigt man, dass Kosten für den Autor wie  Kranken- und Rentenversicherungen, Miete etc. anfallen, dürfte sich auch dem Letzten erschließen, wie weit man mit dem Netto-Stundenlohn eines Autors kommt und warum viele nur nebenberuflich schreiben (können).

Wer jetzt Verkaufsauflagen von Bestsellern im Kopf dazu addiert, sei gewarnt. Unglaublich viele Bücher verschwinden für immer in der Versenkung nach der Erstauflage.

Vom Schreiben eines einzigen Buches zu leben, ist im deutschsprachigen Raum fast unmöglich. Das One-Hit-Wonder ernährt im Literaturbetrieb Deutschlands niemanden über Jahrzehnte. Wer vom Schreiben leben will, muss kontinuierlich möglichst in Serien, die den Verlagen Folgekäufe garantieren, produzieren. Erfahrene Autoren erklärten uns, dass es etwa nach 10 Jahren kontinuierlicher Veröffentlichungen langsam einfacher wird.

Illusion Nr. 4
Ich habe hart für mein Buch gearbeitet, viele Stunden daran geschrieben, da steht mir doch auch Lohn zu
Dieser unselige Satz fällt leider immer wieder. Tatsache ist, dass jeder, der Texte schreibt, für die er vorher keine vertragliche Vereinbarung auf Entlohnung vereinbart hat, absolut keinen Anspruch auf Entgelt hat. Schreiben ohne Auftrag ist wie jede andere kreative "Arbeit" erst einmal ein Unterfangen auf eigene Gefahr und eigene Kosten. Schön, wenn es einem gelingt, Leser oder einen Verlag zu finden, die in diesen Text investieren möchten. Eine Garantie gibt es aber nicht. 

Schreiben ohne Auftrag (mit vorher vereinbarter Entlohnung) ist ein Risiko und eine Investition des Autors in sich selbst. Im "schlimmsten" Fall ist es eben einfach nur ein Zeitvertreib, ein Hobby.

Illusion Nr. 5
Lesungen bringen richtig Geld
Für internationale Autoren und prominente Autoren mag das zutreffen.

Heute erwartet man im Allgemeinen für Eintrittsgelder auch eine gute Show, multimediale Effekte, Starrummel, Veranstaltungen mit Event-Charakter. 

Für Special Locations gibt es große Konkurrenz und Debütanten dürften schon Schwierigkeiten haben, beim Buchhändler ihres Vertrauens eine Lesung mit Eintrittsgeld zu veranstalten.

Stellen Sie sich vielmehr darauf ein, ihre Samstagabende mit einer Handvoll Lesern -wenn es dumm läuft in der Kinderbuchabteilung auf Ministühlen- zu verbringen, im Zug gegen betrunkene Fussball-Hooligans anzulesen, im Supermarkt das Vorprogramm für Harry & Toto zu mimen oder im Tenniscenter vor angeschwippsten Sport-Kollegen den Kulturteil des Weihnachtsprogramms zu gestalten. 

Illusion Nr. 6
Ich habe einen Verlags-Vertrag, jetzt läuft es von allein
Ein weitverbreiteter Irrtum ist, dass mit einem Verlags-Vertrag der Autor und sein Werk auch automatisch Unterstützung im Marketing und der Vermarktung erwarten kann.

Richtig ist, dass Verlage ein Distributionsnetz mit Verlags-Vertretern haben, die Buchhandlungen Programme vorstellen und ihnen Bücher ans "Herz" bzw. neben die Kasse legen.

Verlage müssen jedoch wirtschaftlich arbeiten (der nebulöse Nimbus des "Kultur-/Literaturbetriebes" lässt dies viele Leser oft vergessen), zu diesem Zweck bedienen sie sich einer internen (nicht öffentlich kommunizierten) Struktur. Sie teilen ihre Titel (und damit auch die Autoren) in Gewinnbringer (A), mögliche Gewinnbringer (B) und "Füllmaterial"(C) ein. (Siehe dazu auch das sehr interessante Interview von Rowohlt-Autorin Kathrin Passig mit Buchmarkt-PR-Frau Gesine von Prittwitz bei Leander Wattig.)

Gewinnbringer (A) sind jene Autoren/Titel, die sich sowieso von alleine verkaufen, Bestseller und Prominenz. Für sie werden Anzeigen platziert, PR-Termine/Lesungen, vordere Plätze auf Buchtischen "organisiert".

Für Autoren der B und C-Klassen, die möglichst ihre Kosten beim Verlag wieder hereinbringen sollten, gilt wie für jene ohne Verlag: Selbst ist die Frau/der Mann.

Wer dies bezweifelt, sehe sich doch bitte mal um, wo und wie denn Veranstaltungen, Interviews und PR-Termine für unbekannte Autoren stattfinden, die nicht von den Autoren oder einer Buchhandlung selbst organisiert wurden...

Illusion Nr. 7
Vergiss Print! Vergiss Verlage!
Gedruckte Bücher sind out, bei den eBooks und den Selfpublishern liegt das Geld!
Wenn das so wäre, würden wir Leser und Blogger wahrscheinlich von den aggressiven Marketingattacken und den unverschämten Fakes im Rezensionsbereich verschont. 

Selfpublishing und eBooks sind eine prima Möglichkeit für Autoren sich und ihre Fähigkeiten zu testen und wenn es gut läuft ein paar Kosten abzudecken. 

Die niedrigen erzielbaren eBook-Preise (deutlich unter 5 Euro, darüber verkaufen sich "NoNames" nicht), die stark begrenzte Zielgruppe (deutschsprachig, eBook-Leser), die von Amazon & Co. abzuziehenden Provisionen, Steuern und Investitionskosten (Korrektorat, Lektorat, Coverlayout, ggf. Übersetzung) lassen in Deutschland selbst Bestsellern keine Reichtümer übrig, was sich schnell jeder selbst ausrechnen kann. 

Richtig interessante Umsätze kann man erst mit Titeln für den internationalen Markt erwirtschaften. Und dahin schaffen es nur sehr wenige.

Illusion Nr. 8
Alles ist möglich, wenn man nur fest genug an sich glaubt.
Das ist schlicht eine Lüge. Eine Lüge, die von Menschen in die Welt gesetzt wird, die an der Leichtgläubigkeit, Eitelkeit und Verzweiflung anderer verdienen möchten.

Man kann vieles mit Talent, Fleiß, Hartnäckigkeit bewirken. Doch nicht alle Autoren (Sänger/Künstler usw.), die es nicht in die höheren Einkommensklassen schaffen, haben es nicht ernsthaft genug gewollt oder gar nicht ausreichend an sich geglaubt. Das ist Quatsch.

Analysiert man den Werdegang derer, die es geschafft haben, findet man immer auch eine gute Portion Glück, Unterstützung durch andere und/oder nicht selten existenzsichernde finanzielle Rückendeckung, was selbst auf die viel beschworene und immer wieder gerne ins Feld geführte Schneewittchen-Autorin zutrifft.

Fazit:
Nichts spricht dagegen, von einem Leben als Autor (ein paar der Illusionen und Grausamkeiten dazu haben wir uns für einen weiteren Artikel aufgehoben) zu träumen.

Versuchen Sie es! Doch kalkulieren Sie das Scheitern als berechtigt zu erwartende und der mathematischen Wahrscheinlichkeit geschuldete Entwicklung mit ein.

Gehen Sie entspannter an die Sache heran und versteifen Sie sich nicht darauf, dass das hauptberufliche Autorendasein, die einzig mögliche Form des Glücks für Sie ist. Dann werden Ihre Texte besser, weil Sie diese authentisch und so schreiben dürfen, wie Sie sie gerne schreiben möchten und nicht wie der Markt oder ein Verlag sie einfordert.

Werden Sie nicht einer von diesen ewig jammernden Autoren, die ihren Lesern (Friseurinnen, Krankenschwestern, Altenpflegern, Feuerwehrmänner, Müttern und Polizisten) ausführlich erklären, was für einen erbärmlichen Lohn sie für ihre wertvolle Arbeit bekommen.

Natürlich sollte unserer Gesellschaft Literatur & Kultur mehr wert sein. Aber das Gleiche trifft auch auf das Bildungs-, Ernährungs- und Gesundheitswesen, die Altenpflege, innere Sicherheit und viele, viele andere Berufe und Bereiche zu. Überraschung! Das Leben ist nicht gerecht. 

Schriftsteller zu sein ist eine freie Entscheidung, IHRE Entscheidung. 

Sie und ggf. Ihre Familie müssen auch mit allen Konsequenzen aus dieser Entscheidung leben. Das wird in den allermeisten Fällen nicht leicht. Es kann befriedigender sein und glücklicher machen, ein Buch neben seinem Hauptberuf zu schreiben, als unter dem Druck, sich und eine Familie davon ernähren zu müssen. Seien Sie sich einfach dessen bewusst.

Das beschert Ihnen ein glücklicheres Leben und uns allen bessere Bücher.

Und wer weiß, vielleicht eines Tages....

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