Samstag, 30. November 2013

GLEICHENFEIER - Ein Wien-Krimi mit schönen Metaphern und ausdrucksstarken Bilder

Krimi-Rezension von Kurt

Marco Martin wird bei diesem Fall nicht nur von nächtlichen Panikattacken gequält. Auch seine Schwester, zu der er vor Jahren den Kontakt abgebrochen hat, meldet sich unversehens und bittet ihn, die Unschuld ihres Mannes Niklas zu beweisen, dem man vorwirft, im Zuge einer Baustellenkontrolle einen flüchtenden Arbeiter in die Tiefe gestoßen zu haben. Wenig später wird der Bauleiter desselben Projekts brutal ermordet. 

Martin stößt im Zuge seiner Recherchen auf den Unternehmer Vukić, der vor einiger Zeit vom Balkan kommend aufgetaucht ist und nun offiziell einen Wohltäter mimt. Dessen rechte Hand ist nicht ganz unbeschrieben und möchte sich auch nicht auf ewig mit der Position des Zuträgers zufriedengeben. 

Einen Teil der Lösung bringt ein Schlüssel, den der sterbende Bauarbeiter Niklas noch anvertraut hat. Martin muss sich diesmal weg von der Society aus dem Cottage-Viertel auf die Spur des Mörders begeben. 

Sein Weg führt ihn in Vorstadtspelunken, Automatencafés und Tankstellenimbisse, seine Klientel sind hauptsächlich Arbeiter mit migrantischem Hintergrund, wobei diese für ihn bald weniger gefährlich werden als der Anwalt, der plötzlich auf den Plan tritt. Zum Glück kann er auf die Mithilfe des phlegmatischen Gruppeninspektors Krasberger zählen. Verlagsinfo

Das Geschehen in diesem Krimi aus Wien spielt sich in der Zeit vom 20. August bis zum 09. September ab, und in diesen zwei Wochen ereignet sich vieles, was große Veränderungen nach sich zieht, im privaten Umfeld der Beteiligten wie auch im öffentlichen Bereich. Es beginnt mit einem Mord, der zunächst wie ein Unfall aussieht. In der Folge passiert ein weiterer Mord, der einer Hinrichtung gleichkommt. Hier passt der Titel des Buches (G)LEICHENFEIER, und die „deutsche“ Übersetzung Richtfest trifft es vielleicht noch besser.

Es wird in diesem Roman von Christian Klinger an vielen Stellen Dialekt gesprochen (und geschrieben), was nicht unerheblich zum Vergnügen beiträgt, auch wenn die eine oder andere Redewendung oder Vokabel nicht eben geläufig ist. 

Auch finden sich manche Schilderungen, die ausgezeichnet in einem Reiseführer Platz hätten, man erfährt auf diese Weise viele interessante Einzelheiten und Besonderheiten aus verschiedenen Wiener Bezirken. Der Leser ist mit den Protagonisten in der ganzen Stadt unterwegs, mit den „Öffis“, dem Taxi, im eigenen und geliehenen Auto und auf dem Elektrofahrrad geht es zu den oft pittoresken Schauplätzen der Haupthandlung, zu Treffpunkten und unheimlichen Tatorten. Und immer wieder zu Großbaustellen, auf denen eine Baumafia krumme Geschäfte macht.

Die unterschiedlichen Kulissen beschreibt der Autor sehr anschaulich, die Landschaften der Ausflugsgebiete am Stadtrand wie auch die Heurigenlokale und Schanigärten mit ihrem besonderen Publikum. Oder das besondere Flair eines Charity-Events auf dem Weingut im Gegensatz zum nüchternen Resopal-Ambiente eines Automatenlokals mit Gastarbeiterklientel. Die Atmosphäre dieser schwülen Sommertage ist hervorragend eingefangen, das Lokalkolorit perfekt getroffen – so macht das Lesen einfach Spaß

Überall passieren Dramen und Verbrechen, aber es gibt auch ganz persönliche Schicksalsschläge, Glück und Leid, wie es sich für eine Liebesgeschichte gehört, denn davon werden auch gleich mehrere neben der Krimi-Handlung erzählt. So hat die an sich düstere und manchmal brutale Geschichte auch ihre heiteren und komischen Momente.

Persönliche Meinung: 4,5 Sterne (von 5 möglichen)

Die handelnden Personen werden ausgesprochen detailliert gezeichnet, mit all ihren liebenswerten Schrullen und Marotten. Aber auch für die abstoßenden Eigenarten und negativen Charakterzüge findet der Autor treffende Worte.

So sind es durchweg schöne Metaphern und ausdrucksstarke Bilder, mit denen der Leser unterhalten wird, wenn die Krimi-Story ab und an in den Hintergrund tritt und man kann die hinreißende Schilderung eines heißen Sommertages im Schwimmbad genießen oder die feindselige Stimmung in einer zwielichtigen Spelunke mit halbseidenen Gästen.

Da gelingen dem Autor Christian Klinger wunderbare Passagen mit funkelndem Wortwitz, Milieuschilderungen mit Wiener Schmäh und immer wieder Einblicke in das turbulente Privat- und Familienleben der Hauptpersonen.

Diese Ereignisse, die sich hinter den verschlossenen Wohnungstüren abspielen, sind ein durchaus wichtiger Teil der Geschichte. Die Charaktere sind allesamt nicht nur sympathisch oder durchweg böse, auch die Schurken haben ihre liebenswerten Momente und selbst der Held, Detektiv Marco Martin mit seinen Macken, an denen er hartnäckig festhält, hat neben seinen sympathische Zügen auch abgründiges.

Das Gefühlsleben der Beteiligten wird genauestens durchleuchtet, so dass die Motive der Hauptdarsteller immer nachvollziehbar sind. Es gibt aber auch einige herrliche Nebenfiguren, bei deren Auftauchen es meist witzig wird.

Die Spannung kommt bei alldem nicht zu kurz, sie steigert sich im letzten Drittel des Romans bis zur überraschenden Lösung des Falles.

Dabei verfolgt man aus drei Perspektiven manchmal nacheinander, mitunter gleichzeitig die Aktionen des Detektivs und der Polizeibeamten, auf der anderen Seite die organisierte Kriminalität in Form einer Balkan-Connection.

Bis zum Action-geladenen Finale geschehen aber noch weitere Verbrechen, grausame Morde eines Psychopathen, schaurig und gleichnishaft inszeniert wie der Mord zu Beginn des Romans. So schließt sich der Kreis.

Eine insgesamt stimmige Geschichte mit gut erdachten Handlungsfäden, schön erzählt und angenehm zu lesen.

GLEICHENFEIER
Autor: Christian Klinger
Format: broschiert
Seitenzahl: 380 Seiten
Verlag: Steinverlag
Preis: 13,90 Euro
Preis eBook-Version: nicht vorhanden

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