Mittwoch, 30. Oktober 2013

SCHATTENKIND - Ein totes Kind im Schatten von 77 anderen Toten

Krimi-Rezension von Petra Weber

Am Nachmittag des 22. Juli 2011, dem Tag des Massakers von Utøya, stirbt in Oslo auch ein 8-jähriger Junge. Souverän und ohne Erbarmen ermitteln Yngvar Stubø und Johanne Vik ein letztes Mal.

An einem regnerischen Freitag Nachmittag im Juli 2011 bricht für Ellen und Jon Mohr eine Welt zusammen: Ihr 8-jähriger Sohn Sander stirbt auf tragische Weise in ihrem eigenen Haus. Was wie ein Unfall aussieht, entpuppt sich bald als ein sehr viel komplexeres Verbrechen. 

Die Kriminalpsychologin Johanne Vik soll Klarheit schaffen. Aber sie steht den trauernden Eltern zu nah, und es ist die Hartnäckigkeit ihres jungen Kollegen, die zu neuen Erkenntnissen führt: Hat Jon vielleicht sogar selbst seinen Sohn getötet? Oder wollte sich ein alter Bekannter mit dieser Bluttat an Jon rächen? 

Während das schreckliche Massaker von Utøya Kommissar Stubøs ganze Aufmerksamkeit fordert, zwingt sich Johanne, das Undenkbare zu denken. Denn die Familie ihrer Freundin Ellen war offenbar weniger harmonisch, als es den Anschein hatte. (Verlagsinfo)

Vorweg: Anders als in der Verlagsinfo angegeben, ist dieser letzte Krimi der fünfteiligen Reihe mit dem Ermittlerpaar  Stubø/Vik bis zum letzten Satz völlig auf Inger Johanne Vik ausgerichtet. Yngvar Stubø ist mit den Ermittlungen in Utøya beschäftigt und am Fortgang der Geschichte, die Anne Holt erzählt, nicht wirklich beteiligt.

Sander Mohr hat Pech. Pech mit seiner Zeugung, seinem Leben und sogar mit seinem Tod, denn er stirbt ausgerechnet an jenem Tag, den Norwegen später als unerträglichen, kollektiven Schmerz in Erinnerung behalten wird, er stirbt am Tag des Massakers von Utøya. 

Entsprechend wenig Interesse besteht bei den überlasteten Ermittlungs-Behörden, mit dem scheinbar offensichtlichen Unfalltod dringend benötigte Polizeikräfte oder Gerichtsmediziner zu beschäftigen.

Wäre da nicht jener unerfahrene, junge Polizist Henrik Holme, der mit feinem Gespür Hintergründiges aufdeckt und mit Ehrgeiz und Hartnäckigkeit am Ball bleibt,  der dem kleinen Jungen, dem kein schönes Leben beschert war, wenigstens nach seinem Tod Gerechtigkeit widerfahren lassen möchte.

Holme setzt akribisch Stück für Stück Puzzle-Teile aus dem Leben des Achtjährigen zu einem Bild zusammen, das weder seinen Eltern noch deren Freundin Inger Johanne gefällt.

Persönliche Meinung: 5***** (von 5 möglichen)

Anders als das reißerische Cover, das zwar aufmerksamkeitsstark ist, aber absolut nichts mit dem Inhalt zu tun hat, erzählt Anne Holt in kühlen, kurzen, klaren Sätzen unaufgeregt, fast sachlich ohne Schnörkel oder weitschweifige Beschreibungen und überlässt es dem Leser, sich die emotionale Bedeutung ihrer Aussagen im Nachhinein selbst zu vergegenwärtigen.

Die Geschichte vom unentdeckt gequälten Kind ist weder neu noch originell, doch die Umstände dieser speziellen Zeit in Norwegen geben ihr eine weitere, tiefere Komponente, denn während die ganze Welt um die toten Kinder Norwegens trauert, leidet und stirbt ein anderes Kind unentdeckt, im Schatten der medial aufbereiteten Tragödie und ohne große Anteilnahme der Bevölkerung in seinem eigenen Zuhause, gedeckt von jenen Erwachsenen, die sich über das Unglück von Utøya  empören und entsetzen.

Angenehmerweise erwähnt die Autorin nicht ein einziges Mal den Namen des Massenmörders und gibt ihm damit nicht eine weitere Plattform für seine perversen Eitelkeiten.

Die einzelnen Aspekte am Ende der Auflösung des Falls wirken leider etwas konstruiert. An dieser Stelle zog ich beim bis dahin unterhaltsamen Lesen zunächst gedanklich einen Stern ab.

Allerdings hat es die Autorin geschafft (und das gelingt nur wenigen), mir mit den absolut letzten, ja dem letzten Satz, noch einmal alle Konzentration abzuverlangen und mich mit einem überraschenden, tiefen Gefühl und einer letzten, wichtigen "Nachricht" zurückzulassen: Alles was wir im Leben tun und vor allem alles was wir unterlassen, hat irgendwann Konsequenzen. Manchmal eben auch sehr traurige.

SCHATTENKIND
Autorin: Anne Holt
Format: gebunden
Seitenzahl: 336
Verlag: PIPER
Übersetzung: Gabriele Haefs
Preis: 19,99 Euro
Preis eBook-Version: 15,99

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