Montag, 12. August 2013

DER KATHOLISCHE BULLE - Ein menschliches Drama vor der Kulisse des Nordirland Konflikts

Krimi-Rezension von Petra Weber

Belfast befindet sich im Ausnahmezustand. Detective Sergeant Sean Duffy ist neu in der Stadt, und gleich bei seinem ersten Fall – der Suche nach einem Serienkiller – muss er sich ins Zentrum des Terrors begeben. Sean Duffy ist wahrscheinlich der einzige katholische Bulle in ganz Nordirland, denn es ist 1981, und »katholisch sein« steht vor allem für eins: IRA. 

Die Paramilitärs haben der Polizei den Krieg erklärt, nehmen sie, wo es nur geht, unter Beschuss, jagen Polizeiautos in die Luft. Ihnen gilt Duffy als Verräter. Doch auch unter den Kollegen in Carrickfergus, einem Vorort von Belfast, wohin er nach seiner Beförderung gerade erst versetzt wurde, muss sich der junge Polizist sein Ansehen erkämpfen. 

Entlang der Frontlinien ermittelt Duffy in zwei Mordfällen, hinter denen ein Serienkiller zu stecken scheint. Eines der Opfer stand in Verbindung mit den höchsten IRA-Kreisen, wo Duffy auf eine Mauer des Schweigens trifft, da jeder, der den Mund aufmacht, mit dem Schlimmsten rechnen muss … (Verlagsinfo)

DER KATHOLISCHE BULLE ist der Beginn einer als Trilogie gedachten Reihe von Adrian McKinty mit dem Ermittler Sergeant Sean Mc Duffy, die im Irland der Anfang Achtziger Jahre spielt.

Der Nordirland-Konflikt, der seinerzeit täglich zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen katholischen und protestantischen Gruppen untereinander und mit der Polizei führte und  auch in deutschen Nachrichten ein allgegenwärtiges Problem waren, bildet den Hintergrund zu diesem Noir-Krimi.

Wer rückblickend sich an die erschreckenden Bilder jener Zeit erinnern kann, wird manches "wiedererkennen", jüngere Leser, die mit den zeitgeschichtlichen Ereignissen und ihren politischen/religiösen Hintergründen und der Geschichte der IRA nicht vertraut sind, werden wahrscheinlich hier und da kleine Wissensdefizite empfinden, zumal man sich öfter auch mal die Zeit und deren damaliges Denken über Frauen und Homosexuelle vor Augen führen muss.

Persönliche Meinung: 5***** (von 5 möglichen)
in der Reihe Noir-Kriminalromane gewertet

McKinty hat für seinen Kriminalroman keinen unsensiblen Haudrauf-Typen gewählt. Auch wenn Sean Duffy - was in dieser Art Kriminalroman wohl unvermeidlich scheint - dem Alkohol wieder mehr als gesund sein kann zugeneigt ist, lässt der Autor, der den Roman aus Duffys Sicht in der Ich-Form erzählen lässt (was zwangsläufig zu vielen mit "Ich"-beginnenden Sätzen führt), immer wieder durch nahezu "poetische" Textpassagen (zwischen den lakonischen Selbstbetrachtungen in Philipp Marlowe-Art) den durchaus den schönen Künsten zugeneigten Charakter seines Protagonisten erkennen.

Das beginnt schon mit den allerersten Sätzen: "Die Unruhen schufen nach einer Weile eine ganz eigene Ästhetik. Lichtbögen aus brennendem Benzin unter der Mondsichel. Purpurne Leuchtspurmunition in mystischen Parabeln. Die phosphoreszierenden Läufe der Gummigeschossgewehre..."

Andererseits verhindern einzelne derbe sprachliche Passagen ein Abgleiten in allzu "blumige" sprachliche Gefilde. 

Hin- und wieder ergeben Sätze allerdings nicht unbedingt einen Sinn, zumindest verstand ich z.B. nicht, was bei "Sie trank einen Schluck Tee und warf noch einen dekadenten Würfel Zucker hinein" (Seite 58), dem Würfelzucker zur Dekadenz verhalf. Möglicherweise handelte es sich hier aber auch nur um Übersetzungsfehler. (Nachtrag: Krimi-Autorin Ellen Dunne war inzwischen so freundlich uns den Originalsatz zuzusenden: "She took another sip of her tea and added a decadent third cube of sugar." Im Kontext ist die Bedeutung klarer, so macht der Satz dann auch Sinn. )

Dass es einen Folgeroman geben wird, ist bereits dem Ende dieses Buches zu entnehmen.

McKintys Kriminalroman ist ein spannendes, nicht leicht zu lesendes menschliches Drama, das vor der düsteren, politischreligiösen Kulisse des Nordirland Konflikts die Bigotterie, Doppelmoral und Intoleranz der Achtziger Jahre aufzeichnet. Trotz seiner spezifisch irischen Aspekte erinnert diese Geschichte auch ein wenig an eine (nicht allzu ferne) Zeit in unserem Land, in der Homosexualität noch mit Ausgrenzung, Verachtung und Gefängnis (§175 dStGB) geahndet wurde und ist mit Blick auf Russland bizarr aktuell.

DER KATHOLISCHE BULLE ist gebunden (384 Seiten) bei Suhrkamp Nova in einer Übersetzung von Peter Torberg für 19,95 Euro erschienen.

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