Freitag, 5. Juli 2013

ZÜGELLOS - Dominique Manotti treibt ihre Leser voran

Krimirezension von Petra Weber

Als auf der Rennbahn von Longchamp eine Informantin des Drogendezernats ermordet wird, verschlägt es Commissaire Daquin und seine Fahnder ins Pferdemilieu. Schnell wird klar, dass die Verquickung von Reitsport und Drogen weit über den notorischen Kokainkonsum der Jockeys hinausgeht. 

Drei einstige Jungrevolutionäre haben es nach Paris geschafft und Karriere gemacht. Agathe Renouard und ihr Protégé Nicolas Berger leiten die PR-Abteilung eines Versicherungskonzerns. Christian Deluc ist Berater im Élysée. 1989 kommen sie sich überraschend in die Quere: Die Mitterrand-Ära versöhnt die politische Linke mit der kapitalistischen Profitrationalität, die Korruption boomt. Und die erwartete Öffnung des Eisernen Vorhangs weckt die Gier auf neue Märkte und schnelle Gewinne.

Für Commissaire Daquin vom Pariser Drogendezernat überschlagen sich die Ereignisse: Rennpferde sterben auf mysteriöse Weise, auf Pariser Partys tauchen sagenhafte Mengen Koks auf. Als beim Pferderennen eine Informantin ermordet wird, ermitteln Daquin und sein Team im Reitermilieu. Dann stirbt der smarte Nicolas Berger bei einer Autoexplosion. (Verlagsinfo)

Dominique Manottis Texte zielen aufs Hirn, nicht aufs Herz. Sie nimmt keine Rücksichten, nicht auf ihre Protagonisten, nicht auf den Leser und fast glaubt man zu wissen, auch nicht auf sich selbst. So wirft sie  mit rasendem Tempo den Leser in kurze Sequenzen einer Szene, um ihn mit dem nächsten Satz wieder heraus und in die nächste und übernächste zu katapultieren. 

Bei diesem gestreckten Galopp durch die Handlung, gleich dem Durchblättern eines Skizzenblocks werden alle Informationen minimalistisch, meist nur mit einzelnen durch Punkte getrennte Worte formuliert, abseits des üblichen Satzbaus, von dem Manotti sich komplett bis hin zum Telegrammstil verabschiedet.

Wenn es ein Antonym für "Gefühlsduselei" gibt, dann ist Manottis Schreibstil wohl die Inkarnation desselben. Ohne Vorspiel, geradezu maskulin, treibt sie durch die Handlung. Dazu passen nicht nur der von ihr gewählte Titel und das Thema in ZÜGELLOS, die Verflechtung von Macht, Drogen, Politik, Rennsport und Wirtschaft. Weitgehend Testosteron beherrschte Gebiete.

Auch der Vorname Dominique, des von Marie-Noëlle Thibault (schon ihre Eltern wählten Namen mit Bedacht, und berücksichtigten, bei "Marie-Noëlle", dass sie Heiligabend geboren wurde) gewählten Pseudonyms, der ähnlich wie der von Fred Vargas für beiderlei Geschlecht gebräuchlich ist, in ihrem Fall jedoch durch die Namensbedeutung "zum Herrn gehörend" verstärkt wird,  passt ins Bild.

Dabei sollte man sich nicht von dem Umstand verführen lassen, dass die Hauptprotagonistin eine Frau ist, denn selbige agiert und reagiert in einer Männerwelt in einer Zeit (1989), in der Einzelschicksale im allgemeinen Ost-West-Vereinigungstaumel gepaart mit grenzen- und zügelloser Profitgier sowieso untergingen.

Manotti nimmt ihre Leser nicht an die Hand, gibt keine erläuternden Zusatzinformationen. Wie "im richtigen Leben" findet man sich plötzlich in Situationen wieder, die man selbst bewerten und verstehen muss. Das ist Literaturliebhabern sicher preiswürdig, Krimi-Normalleser dürften jedoch an ihre Frustrationsschwelle bei diesem Sprachumgang gelangen, der zuweilen an reine Berichterstattung erinnert und dabei so gut wie nie an das Gefühl appelliert. 

ZÜGELLOS ist gebunden (286 Seiten) im Ariadne Verlag in einer Übersetzung von Andrea Stephani für 18,00 Euro erschienen.

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