Montag, 8. Juli 2013

DIE TOTEN, DIE NIEMAND VERMISST - Der Krimi, der zu viel verspricht...

Krimi-Rezension von Nora

Sebastian Bergman, Kriminalpsychologe. Ganz nah am Abgrund. Beruflich und privat. In den Bergen von Jämtland stürzt eine Wanderin ab. Sie überlebt. Jemand anderes hatte dafür weniger Glück: Aus der Erde vor ihr ragen die Knochen einer Hand. 

Die Polizei vor Ort birgt sechs Leichen, darunter die zweier Kinder. Alle per Kopfschuss getötet. Stockholm wird um Verstärkung gebeten, und Kommissar Höglund reist mit großem Tross in die Provinz. Doch die Ermittlungen stehen unter keinem guten Stern. Den Kriminalpsychologen Sebastian Bergman plagen private Probleme, Spannungen belasten das ganze Team. 

Und auch der Fall entpuppt sich als kompliziert. Die Identität der Toten gibt Rätsel auf, niemand vermisst sie. Als Höglund und Bergman endlich auf eine brauchbare Spur stoßen, schaltet sich der schwedische Geheimdienst ein ... (Verlagsinfo)

Der dritte Teil (nach DER MANN, DER KEIN MÖRDER WAR und DIE FRAUEN, DIE ER KANNTE) der »Sebastian Bergmann-Reihe» war mein erster Krimi von Hjorth & Rosenfeldt. Sowohl der Klappentext als auch eine Seitenblick auf die vorherigen zwei Romane klangen sehr vielversprechend. Und das hat die Geschichte auch bis etwa Seite 500 gehalten.

Zwei Erzählstränge baut das Autorenduo auf: Der Leichenfund im Fjäll, der später im Zusammenhang mit einem Autounfall einer behördlich unbekannten Amerikanerin gesehen wird und parallel die Lebensgeschichte des 15-jährigen afghanischen Jungen Mehran und seiner Mutter Shibeka, die ihren Vater resp. Ehemann Hamid vor neun Jahren verloren. 

Die Reichsmordkommission ermittelt am Fjäll und der Journalist Lennart Strith von "Nachgeforscht", einem schwedischen Fernsehformat, recherchiert zum Verschwinden von Hamid und dessen Freund Said.

Persönliche Meinung: 
3,5 Sterne (von 5 möglichen)

Die Geschichte(n) des Autorenduos lassen sich flüssig lesen und wähnen den fantasievollen Leser längst in der real geplanten Fernsehverfilmung der Krimireihe um den Kriminalpsychologen Sebastian Bergmann. 

In den letzten Kapiteln werden die Schnitte immer schneller, so dass es einem fast entgehen könnte, dass nicht etwa die Reichsmordkommission unter der Leitung von Kommissar Torkel Höglund die großen Zusammenhänge aufdeckt sondern, dass der Leser die Lösung als Erinnerungsfragment aus Sicht des Täters präsentiert bekommt. Das fand ich wirklich nicht sehr raffiniert! 

Da ich wie eingangs geschrieben die beiden vorherigen Romane um Sebastian Bergmann nicht gelesen habe, scheint mir eindeutig entgangen zu sein, welche Rolle Sebastian Bergmann überhaupt spielt. Denn: Im Grunde sitzt er bloß dabei, ist mit sich und seinen persönlichen Problemen beschäftigt, hat keine aktive Rolle im Ermittlerteam. Keine Fallanalyse, kein Täterprofil, lediglich bei einer Zeugenbefragung im letzten Fünftel des Buches ist er an der Front. 

Im Hinblick darauf frage ich mich natürlich: Wieso lautet der Buchuntertitel «Ein Fall für Sebastian Bergmann»?

Das Autorenduo Hjorth & Rosenfeldt haben beide – bevor sie sich zusammentaten, um Kriminalromane zu verfassen – Drehbücher für namhafte Fernsehproduktionen geschrieben. Mich irritiert es, dass bereits in der Buchinfo zu lesen ist, dass „«Die Toten, die niemand vermisst», der dritte Band in der Reihe (...) ist, die vom Schwedischen Fernsehen in Kooperation mit dem ZDF verfilmt wird.“ Sogar der gewünschte Hauptdarsteller steht bereits fest und hatte eine beratende Funktion, was in den Danksagungen nachzulesen ist. Die Bücher wurden dem populären Schauspieler Rolf Lassgård „auf den Leib geschneidert“.

Fazit: Die vielen offenen Fragen am Schluss des Romans, die darauf schließen lassen, dass sie nur einer Fortsetzung dienen, die Unbeteiligtheit des Protagonisten Sebastian Bergmann und die dem Leser beiläufig präsentierte Lösung der Fälle haben meine Bewertung des Gesamtromans leider ins Negative bewegt. 

Positive Randnotiz: Die Softcover-Bindung ist sehr angenehm, die Typografie hervorragend. 

Negative Anmerkung: Dem Korrektorat ist es leider entgangen, dass der Name Joseph nicht durchgängig mit ph geschrieben wurde (vgl. Seite 551 und andere). 

DIE TOTEN, DIE NIEMAND VERMISST ist broschiert (592 Seiten) bei Rowohlt Polaris in einer Übersetzung von Ursel Allenstein für 14,99 Euro erschienen. Die eBook Version ist für 12,99 Euro erhältlich.

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