Freitag, 31. Mai 2013

EIN SELTSAMER ORT ZUM STERBEN - Kriegserlebnisse, Trauer, Schuld & die Suche nach Vergebung

Krimi-Rezension von Elke Heid-Paulus

Nach dem Tod seiner Frau ist Sheldon Horowitz mit 82 Jahren zu seiner Enkelin nach Oslo gezogen. In ein fremdes Land ohne Juden. Viel Zeit, um über die Vergangenheit nachzudenken. All die Erinnerungen. All die Toten. Eines Tages hört Sheldon aus dem Treppenhaus Krach: Er öffnet die Tür, und in seiner Wohnung steht eine Frau mit einem kleinen Jungen. 

Kurze Zeit später ist die Tür aufgebrochen, die Frau tot und Sheldon mit dem Kind auf der Flucht den Oslofjord hinauf. Was wollen die Verfolger von dem Jungen? Sheldon weiß es nicht. Aber er weiß: Sie werden ihn nicht kriegen. (Verlagsinfo)

Vorweg ein interessanter Hinweis zum Autor: Derek B. Miller ist Amerikaner, lebt aber schon lange in Europa, seit einiger Zeit in Norwegen, und hat seinen Debütroman nicht in seiner Muttersprache sondern in Norwegisch geschrieben.

Persönliche Meinung: 4,5 Sterne (von 5 möglichen)
als Roman nicht als Krimi

Es fällt schwer, dieses Buch einzuordnen, denn der Roman hat von allem etwas: es ist die Geschichte einer Flucht, es ist ein Polizei-Roman, es ist eine Familiengeschichte. Es geht um Kriegserlebnisse, um Trauer, um Schuld und um die Suche eines alten Mannes nach Vergebung.

Sheldon kämpft mit den Gespenstern seiner Vergangenheit. Da ist zum einen der Tod seines Sohnes Saul in Vietnam, den er noch immer nicht verwunden hat, zum anderen plagen ihn aber auch immense Schuldgefühle, denn als Scharfschütze war er im Korea-Krieg für den Tod vieler Menschen verantwortlich. Nun kann er etwas von seiner Schuld abtragen, indem er dafür sorgt, dass Paul den Mördern seiner Mutter nicht in die Hände fällt.

Die Geschichte hat viele Facetten, und der jeweilige Schwerpunkt wechselt immer mit der Perspektive, aus der erzählt wird. Da ist die Enkelin Rhea, die befürchtet, dass ihr Großvater zunehmend die Realität aus den Augen verliert. Ihr Mann, der die Ereignisse wesentlich entspannter sieht. Sigrid, die für den Fall verantwortliche Inspektorin und Envers, der Killer und Kriegsverbrecher.

Spannend geschrieben und durch die unterschiedlichen Perspektiven sowie die Zeitsprünge in Sheldons Vergangenheit sehr interessant. Die Dialoge sind erfrischend lakonisch, aber gerade dadurch sehr pointiert und komisch.

Anm.KK: Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde bekannnt, dass Jan Mojtos Beta Film und das britische Produktionsunternehmen Rainmark Films sich gemeinsam die Verfilmungsrechte von Derek B. Millers im Februar in England erschienenen Bestseller «Norwegian By Night» (Originaltitel) gesichert haben.

EIN SELTSAMER ORT ZUM STERBEN ist broschiert (416 Seiten) bei Rowohlt Polaris in einer Übersetzung von Olaf Roth für 14,99 Euro erschienen.

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