Sonntag, 3. März 2013

WOHNZIMMER-LESUNGEN? Autoren zum Anfassen? NEIN! NEIN! NEIN!

von Petra Weber

Ich oute mich jetzt mal als gnadenlos altmodisch.

Ich will das nicht. Nein, ich will keine neumodischen, sozialisierten Autoren "zum Anfassen". Allerorten schießen sie wie Pilze aus dem Boden. Z.B. bei "Wohnzimmerlesungen". Trendy. Da kann ich dann - oft gegen Entgelt an den Wohnungsinhaber - quasi vis-à-vis überprüfen, ob der Autor oder die Autorin dem standhalten, was ich jahrelang von ihm oder ihr geglaubt habe.

Tolle Sache. Wenn man auf Desillusionierung steht. Aber ich will das nicht. Ich möchte mir MEINE Autoren so erhalten, wie ich sie mir vorstelle. Ich will nicht mit ihnen auf Knuddelsofas fremder Leute sitzen und mir eine krümelnde Salzbrezel teilen.

Nein. Nein. Nein. Ich will die Helden und Heldinnen meiner Bücherregale glorifizieren, mystifizieren. Es macht mir Spaß, den silbernen Faden, den ich am Ende jeden Buches spüre, aufzunehmen und unsichtbar zum Autoren weiterzuspinnen, wohl wissend dabei ins Reich der Fantasie abzugleiten.

Grund genug für mich in Zukunft auf sozialen Netzwerken Autorenprofile zu meiden. Ich will nicht -außerhalb ihrer Werke- von ihnen intellektuell die Welt erklärt bekommen. Vorzugsweise auch noch meine, nicht ihre. Ich will nicht oberlehrerhaft vom  Leser zum "Endverbraucher" degradiert werden und in Echtzeit miterleben wie unter Autoren-Kollegen gönnerhaft wohlwollende Rezensionen verteilt werden.

Ich will nicht erkennen müssen, dass die liebevoll formulierten Sätze, die spannenden Geschichten und ausgefeilten Charaktere nicht aus dem perfekten Autorenleben sondern womöglich einer selbstverliebten Egoisten-Schmiede stammen.

Nein. Ich will auch nicht en détail wissen, wie hart "mein" Autor arbeitet, dabei immer vom Raub seiner Werke bedroht und wie wenig Geld er dafür bekommt. In meiner Fantasie sitzt er sowieso darbend in einem Elfenbeinturm, von Drachen und Raubrittern umzingelt, da brauche ich keine schnöden Wirklichkeiten, die mich Wehleidigkeit, Realitätsverlust und Größenwahn vermuten lassen könnten.

Und überhaupt möchte ich nicht immer und überall Autoren mit ihren verteilten Werbelinks begegnen, die von mir geliebte oder noch zu entdeckende Bücher respekt- und sinnlos wie Sauerbier an den unpassendsten  Stellen in Kommentaren und Posts anpreisen.

Da wird über Twitter, Facebook & Co. allzu Alltägliches allzu ausführlich erörtert. Jeder dahin geworfene Satz der Autoren-Nachkommenschaft zum Bonmot stilisiert, jeder Zeitungsartikel mit Autoren-Konterfei zwischen die  Restposten der Vorverkaufskarten zu Lesungen platziert. Schlussverkaufsfeeling am Ramschtisch.

Ich will nicht Leserverachtung hautnah erleben, wenn ein Autor wieder mal für seine offizielle Facebook-Autorenseite öffentlich und ungeniert nach einem Literaturgroupie sucht, das ihm das lästige, zeitaufwendige Posten dort abnimmt um mich dann  von einem sendungsbewussten anderen Leser im Autorenauftrag mit Second-Hand-Berichten bezwitschern zu lassen, weil der dereinst geschätzte Autor lieber statt der Autorenseite sein eigenes Privatprofil für Freunde bearbeitet.

Mit der literarischen Liason ist es exakt wie mit der erotischen, allzu viel detailgetreue Realität ist dem Prickeln bei menschlichen Begegnungen mehr als abträglich. Es tritt keine Verzückung, kein Knistern auf, wenn zuvor Zahnarzttermine und Kochrezepte erörtert wurden. Gekonnte Distanz verzaubert, reale Nähe entzaubert.

Wie sehne ich mich nach unverbrauchten, fremden Autoren, von denen ich nichts weiß, als die vagen Andeutungen in Klappentexten, deren Werken ich mich blind leidenschaftlich hingeben darf ohne ablenkendes, abtörnendes Wissen um ihre menschlichen Unzulänglichkeiten, wie sie mir neuerdings beim Betrachten von Buchcovern in der Buchhandlung unsichtbar, doch aufdringlich entgegenstrahlen.

Natürlich weiß ich um die menschliche Unvollkommenheit "meiner" Schriftsteller, ihre großen und kleinen Schwächen, ihre Eitelkeiten. Und sie seien ihnen wie jedem anderen auch zugestanden. Aber ich will sie nicht konkretisiert bekommen.

Ich will mich nicht mit den Schöpfern meiner Lieblingswerke auf fremden oder gar dem eigenen Sofa im realen Leben herumlümmeln und ihnen dabei zusehen wie sie sich selbst vom Sockel holen in die Niederungen eines bundesdeutschen Wohnzimmers unter Ikea-Fotodrucke und röhrende Hirsche in Öl. Und was kommt als nächstes? Küchenlesungen? Schlafzimmerlesungen? Lesungen beim Frühjahrsputz oder im Gynäkologen-Wartezimmer?

Ja, sie sterben aus, die Großen und Größen der Literatur. Die Unerreichbaren, denen wir gedanklich ungebremst entgegen- oder nacheilen konnten, ihnen dabei immer einen unnahbaren Schritt hinterher, erhaben und fern dem eigenen Alltag, dem sie uns damit entrissen. Jene, die um die sehnsuchtssteigernde Kunst der Distanz nicht nur wussten sondern sie beherrschten, die angemessenen Respekt vor zahlenden Lesern nicht mit Anbiedern verwechselten. Sie liegen auf den Friedhöfen unserer Erinnerung während ihre modernen Nachfolger durch Blogger-Wohnzimmer tingeln und sozial nur noch mit dem Zusatz media kennen.

Schade. Aber wie gesagt, ich bin halt gnadenlos altmodisch.

Kommentare:

  1. Gefällt mir ;))

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  2. Ich finde es toll, Infos über "meine" Autoren in Facebook zu lesen.
    Es bleibt doch außerdem jedem selbst überlassen, ob er da "mitmacht" oder nicht. Deshalb verstehe ich nicht so ganz Ihr Problem.

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  3. Also ich tausch mich gern mit KollegInnen und LeserInnen aus, aber nur bis zu einer gewissen Grenze.

    So ein Rückzug hätte was ;-)

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  4. Ich bin da in Teilen anderer Meinung. Ich veranstalte regelmäßig in meinem Wohnzimmer Lesungen - vorwiegend mit Jugendbuchautoren, die zwar in Schulen aber seltenst für ein allgemeines Publikum in Buchhandlungen lesen, weil sie nämlich dort nicht genügend Hörerschaft anziehen. Wie traurig ist es für den Autor dort vor 3 Anwesenden zu lesen? Mein Wohnzimmer ist mit rund 25 Gästen immer gut gefüllt und auch die Autoren genießen es sichtlich vor begeistertem gemischtem Publikum zu lesen. Was sollte daran schlecht sein?

    In Sachen Facebook bin ich ähnlicher Meinung. Eine Autoren-Seite sollte dort informativ, nicht zu persönlich, aber vom Autor selbst gepflegt sein.

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  5. Ich kann Deine Ansicht verstehen, aber ich selbst empfinde Wohnzimmerlesungen als eine tolle Sache und freue mich darauf, den Menschen hinter dem geschriebenen Wort kennen zu lernen. Wenn Du das nicht magst, klick einfach nicht auf "gefällt mir" und besuch keine Lesungen, aber es ist doch kein Verbrechen, sowas zu veranstalten ;)

    Natürlich ist das desillusionierend, aber manche Autoren werde ich niemals kennenlernen und da lass ich dann meiner Fantasie freien Lauf :)

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  6. Es ist nur meine persönliche Meinung. Ich möchte niemanden Bekehren und finde es gut, dass wir nicht alle gleich denken.

    Und vielleicht ist es mal ein Anstoß für ein paar Autoren, die sich überrascht wiedererkennen, darüber nachzudenken.

    Und der eine oder andere nimmt sich vielleicht eines Tages auch die neue Freiheit, sich Facebook und Co. zu entziehen...

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  7. Liebe Frau Weber, also, das versteh ich einfach nicht. Was wollen Sie denn nun? Eine strukturalistische Literaturbetrachtung? Eine Nostalgie zurück in die Gartenlaube? Die Abschaffung des Internets überhaupt? Ich freue mich über Ihre Nachricht, gern als Email an info@text-bergmann.de. Sonst als Brief in die Freistraße 10 in 33829 Borgholzhausen. Viele schöne Grüße, Ihre Martina Bergmann

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  8. Ich finde den Artikel ziemlich anmaßend denen gegenüber, die gern auf Kuschelsofas gemeinsam mit Salzbrezeln krümeln. Zumal Sie das damit exakt das tun, was sie bei anderen vollmundig anprangern.

    Sich hinzusetzen und so viele nichtsagende Zeilen zu schreiben, über das, was man eigentlich gar nicht hören will, ist Wehleidigkeit. Und zu glauben, dass Ihre Ergüsse dazu führen, dass sich Autoren und Leser mehr voneinander abgrenzen würden, ist Größenwahn. Solange sich Leser und Autoren aktiv austauschen wollen, wird es diese Art von Nähe geben, ob sie das gut finden, oder nicht.

    Wenn ich also die Fanseite meines Lieblingsautors oder -autorin like oder das private Profil abonnieren, dann deshalb, weil mich tatsächlich interessiert, was dieser Mensch zu sagen hat. Sonst würde ich es schlicht nicht tun. Hier kommen die meisten Ihrer Leser lediglich wegen der Rezensionen her, nicht wegen Ihrer Persönlichkeit. Womit wir beim Realitätsverlust wären.

    Das hier liest dich schlicht wie ein trotziger Rundumschlag gegen geltungsbedürftige Autoren und distanzlose Leser gleichermaßen und wirkt auf mich wie das Geplärre eines verzogenen Kindes, dass sich die Finger in die Ohren steckt und jammert "Ich kann dich gar nicht höööreeeen - lalalalala!" - aber nicht wie differenzierte Betrachtung einer kritischen Journalistin.

    Und zum Nachdenken regt das auch nicht an. Dazu fehlt die Konstruktivität ;-)

    Btw, sie haben ein Leerzeichen zuviel in ihrem Text. Vielleicht fehlt ihrem Verlag ein gutes Korrektorat?

    Viele Grüße
    Ein Leser und FB-Fan einiger geschätzten Autorinnen und Autoren

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  9. Und hey, wenn es demnächst eine Lesung bei ihrem Gynekologen gibt - gehen Sie doch einfach nicht hin :-p

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  10. Liebe Frau Bergmann,
    nein, so altmodisch bin ich dann doch nicht, dass ich mir die Gartenlaube zurückwünsche. ;-)
    Und wenn ich kein Internet wollte, wäre ich wohl kaum hier.
    Was ich mir wünschte, habe ich oben beschrieben.

    Viele Grüße
    Petra WEber

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  11. Mia, Ihre Kommentare lasse ich mal unkommentiert. Sie sprechen für sich. Und was Schreibfehler betrifft, schauen Sie doch beim nächsten Frauenarztbesuch mal auf das Schild, wie man den Facharzt schreibt. ;-)

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  12. Ich schließe mich einigen Vorrednern an. Wenn mich etwas nicht interessiert, schaue ich es mir nicht an.

    Woher weißt du denn, dass die "Großen" Autoren nie bei Lesungen waren? Dass sie nicht auf Messen gegangen sind und ihren Lesern nah waren? Tolkien zum Beispiel war sehr wohl ziemlich greifbar für seine Studenten. Er war ein normaler Mensch.

    Dass heute viele Autoren im Internet sein, liegt daran, dass es das Internet gibt!

    Altmodisch zu sein heißt dann im umkehrschluss auch für mich, nicht über Bücher zu berichten - weil dann könnte man sich ja auch gleich mit dem Autoren beschäftigen...

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  13. Es wäre wirklich hilfreich, Artikel zu lesen, bevor man sie kommentiert. Da steht an keiner Stelle, dass ich gegen LESUNGEN bin.

    Ich habe in einem Interview für das Syndikakt 2011 (veröffentlicht 2012) zum Thema "Autoren und soziale Netzwerke" auch mal empfohlen, Autoren sollten sinnvoll posten:

    "Alles, was dem Leser ein Bild von der Person, den Werken, dem Charakter und den Weltanschauungen des Autors vermittelt, in dem Rahmen und Umfang, den der Autor sich selber steckt."

    (Nachzulesen im Syndikatsjahrbuch 2012, Seite 230)

    "Der Autor sollte zeigen, dass er am Kontakt mit dem Leser wirklich interessiert ist."

    Und genau das wünsche ich mir. Am Leser interessierte Autoren, die das auch zeigen und nicht Profile eröffnen, für die sie gar keine Zeit haben.

    Sich selber Grenzen setzen in dosierten Mengen zugunsten von qualitativen Inhalten.

    Mit respektvoller Distanz auf beiden(!) Seiten. Und der Möglichkeit sich zu verweigern.

    Im gleichen Interview habe ich auch gesagt: "Autoren können socialmedia machen, sie müssen aber nicht."

    Mut zum Nein.

    Auch wenn man sich dann natürlich mal verbalen Attacken und Entgleisungen wie ich in den letzten Tagen ausgesetzt sieht.

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