Montag, 18. März 2013

DUNKLE GEWÄSSER - Joe Lansdales Texas erinnert an Mark Twains Mississippi

Krimi-Rezension von Elke Heid-Paulus

May Lynn ist das schönste Mädchen der Gegend. Aus der schlimmsten Familie am ganzen Fluss. Als ihre Leiche aus dem Sabine River gezogen wird, interessiert sich niemand dafür, wer sie ermordet hat - alle sind nur hinter dem Geld her, das ihr Bruder bei einem Banküberfall erbeutet haben soll. Sue Ellen findet, dass ihre tote Freundin May Lynn etwas Besseres verdient hat. 

Wenn schon kein Filmstar aus ihr wird, wie sie sich immer erträumte, soll wenigstens ihre Asche in Hollywood verstreut werden. Beim Durchsuchen von May Lynns Habseligkeiten stößt sie mit ihren Freunden Terry und Jinx auf einen Hinweis, der sie zur Beute eines Banküberfalls führt. 

Zusammen mit Sue Ellens labiler Mutter flüchten die drei Freunde Hals über Kopf mit dem Floß in Richtung Süden. (Verlagsinfo)

Handlungsort von „Dunkle Gewässer“ ist, wie fast immer in den Romanen Joe Lansdales, der Osten von Texas, ein armer Landstrich vergleichbar den Ozarks bei Daniel Woodrell oder Harlan County bei Elmore Leonard. Handlungszeit: Mitte der 1930er Jahre.

Hier wie dort gehen die meisten Erwachsenen keiner geregelten Arbeit nach, sondern schlagen sich, wie der Vater Sue Ellens und ihr Onkel Gene, mit Wilderei, Fischfang und mehr, aber meistens weniger legalen Jobs gerade so durch. Also der typisch ungehobelte „White Trash“, der in der Einöde in halbverfallenen Hütten haust, die Tage im Suff verbringt, Frau und Kinder verprügelt und nur der schnellen Befriedigung seiner elementaren Triebe lebt, wobei er hier noch nicht einmal vor seinem eigen Fleisch und Blut halt macht.

Hauptfigur dieses Romans ist, wie so oft bei Lansdale, ein gewitzter Teenager, die sechzehnjährige Sue Ellen, die als Erzählerin fungiert und die Ereignisse dieses Sommers aus ihrer Sicht beschreibt. Als die Leiche ihrer Freundin May Lynn gefunden wird, nimmt eine Geschichte ihren Lauf, die über weite Strecken an die Abenteuer von Tom Sawyer und Huck Finn erinnert, was natürlich auch dem Umstand geschuldet ist, dass nicht nur die Personen und das Handlungsgerüst, sondern auch die Landschaftsbeschreibungen sehr stark an dieses Buch Mark Twains erinnern.

Es macht hier auch keinen großen Unterschied, ob das nun Texas oder Mississippi ist. Die „Rednecks“ ähneln sich hier wie da - einfältig, aber verschlagen und brutal. Die Kinder/Jugendlichen jedoch sind diesen Erwachsenen um Längen voraus und haushoch überlegen, gerade weil sie, im Gegensatz zu ihren Eltern noch ein Gewissen haben und empathisch reagieren.

Persönliche Meinung: 5***** (von 5 möglichen)

Lansdales Stil ist einzigartig, gerade auch dann, wenn er alte Mythen in den Plot einarbeitet. Und obwohl seine Beschreibungen von Gewalt durchtränkt sind, schafft er es innerhalb eines Satzes durch die altklugen und ironischen Kommentare der jungen Erzählerin, selbst einer tragischen Situation die Schärfe zu nehmen und eine gewisse Komik zu verleihen. Die Sympathien der Leser sind dabei immer, wirklich immer auf Seiten der Jugendlichen.

Ein tolles Buch mit beeindruckenden Hauptfiguren von einem großartigen Autor, der seine Leser für einige Stunden in den „Tiefen Süden“ der USA entführt.

DUNKLE GEWÄSSER ist gebunden (320 Seiten) bei Klett Cotta in einer Übersetzung von Hannes Riffel für 19,95 Euro erschienen.

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