Donnerstag, 28. März 2013

DER SCHREI DER MÖWE - Leichte Urlaubslektüre mit italienischem Flair

Krimi-Rezension von Inge Blomenkamp

Privatdetektiv David Klein braucht dringend Urlaub. Doch aus den erholsamen Ferien in Italien wird nichts. Ein Hotelgast ist verzweifelt: Seine junge Frau ist spurlos verschwunden. Zunächst vermutet David Klein, dass die Vermisste eine Affäre hat, doch dann deutet alles auf ein Verbrechen hin. Zusammen mit der schönen Anna macht sich der Ermittler auf die Suche. Als ein weiterer Mord im Hotel geschieht, gerät David in größte Schwierigkeiten. (Verlagsinfo)

David Klein, ein ehemaliger Polizist, verdient nach einer folgenschweren Ermittlungspanne seinen Lebensunterhalt als Privatdetektiv. Während seines Italienurlaubs lässt er sich nicht nur dazu überreden, eine Diebstahlserie in einem Hotel zu klären, sondern gerät bei weiteren Erkundigungen selbst in die Fänge der Justiz. 

Wie er nicht nur dieses Dilemma löst, ist spannend zu lesen. „Der Schrei der Möwe“ ist eine clever durchdachte Geschichte mit einem raffinierten Geflecht aus Mord, Betrug und Intrigen. Trotzdem bleibt sie gut nachvollziehbar, wird nicht langweilig, ist also mit allen Zutaten ausgestattet, die einen guten Krimi ausmachen - wenn nicht einige handwerkliche Schwächen das Lesevergnügen schmälern würden. 

Detektiv Klein ist privat ein Mensch mit Unzulänglichkeiten, was ihn durchaus sympathisch macht. Manche seiner Entscheidungen und Handlungsweisen sind jedoch fragwürdig, selbst wenn für Romane andere Maßstäbe gelten als für die Realität. Ihm unterlaufen Fehler, die einem Kriminalisten so nicht hätten passieren dürfen. Für einen Privatdetektiv und ehemaligem Polizisten ist er ungewöhnlich leichtgläubig und vertrauensselig und verlässt sich mitunter zu unkritisch auf seine Menschenkenntnis. 

Sein Hang zu Alleingängen bringt ihn unweigerlich in Schwierigkeiten. Selbst als ihn ein Klient im Jähzorn beinahe bis zur Bewusstlosigkeit würgt und er diesen sogar für einen Mörder hält, schaltet Klein keine Polizei ein - sein Ehrenkodex verbietet es ihm, einen Fall aufzugeben. Solche Unvernunft ist irritierend, die Beweggründe des Detektivs teilweise schwer nachvollziehbar. Insgesamt wirken die Personen eher blass, man fiebert als Leser nicht wirklich mit, bleibt eher distanziert.

Es ist mittlerweile Trend geworden, dass Ermittler als Duo auftreten. Wenn sich daraus eine spannungsvolle Beziehung entwickelt, kann dies der Handlung durchaus eine gewisse Würze geben. Im vorliegenden Fall aber kann mich das Team David Klein und Anna Lundgren, Barkeeperin an der Hotelbar, nicht wirklich überzeugen. 

Schon die Beschreibung der ersten Begegnung dürfte polarisieren: „ … ich war sprachlos… fühlte mich von ihr angezogen …betörte meine Sinne … raubte mir den Atem … ihre schlanke Figur … ihr zarter Hals…“ All dies auf nicht einmal einer halben Buchseite, ist das schwülstiger Kitsch oder romantische Poesie?

Im weiteren Verlauf erscheint es zumindest befremdlich, dass ein Detektiv, für den Diskretion und Verschwiegenheit zum Berufsethos gehören sollte, eine Urlaubsbekanntschaft sofort in Interna zu seinen Fällen einweiht und sie in seine Ermittlungsarbeiten einbezieht. 

An anderer Stelle ist die Darstellung des Protagonisten dann doch realistisch und plausibel. David Klein, nach seinem Ausscheiden aus dem Polizeidienst und einer gescheiterten Ehe gebrochen und alkoholabhängig hat es geschafft aus dem Sumpf herauszukommen und gönnt sich nun seine ersten Ferien als Single. 

Die Hotelanlage und die italienische Landschaft verbindet er mit glücklichen Kindheitserinnerungen. Doch auch in dieser idyllischen Atmosphäre gibt es für ihn immer wieder Verlockungen, rückfällig zu werden und erneut zu tief ins Glas zu schauen. Kleins innere Zerrissenheit wirkt durchaus überzeugend und wird anschaulich beschrieben. 

Die Aufklärung des vorliegenden Falles selbst ist dann leider keine Glanzleistung kriminalistischer Ermittlertätigkeit. Der Detektiv, die doch noch eingeschaltete italienische Polizei und auch wir als Leser tappen zwar lange im Dunklen. Aber nicht scharfsinnige Recherchen oder geniale Geistesblitze spielen bei der Lösung dieses Falles die tragende Rolle, sondern eine „geträumte Vorhersehung“. 

Man kann solche Ahnungen durchaus als pfiffigen Schachzug ansehen - vielleicht aber auch als Manöver, um das selbst erstellte Labyrinth aus Hinweisen, falschen Fährten und Sackgassen zu entwirren. Da „Der Schrei der Möwe“ insgesamt keinen Hang zum Übersinnlichen hat, wirkt dieser Kunstgriff auf mich eher deplatziert. 

Stefan Naglis´ Kriminalroman ist insgesamt durchaus spannende Unterhaltung, zeigt aber meiner Ansicht nach Schwächen in der Umsetzung. 

Meine persönliche Meinung: 3,5 Sterne (von 5 möglichen). 

Wer allerdings eine leichte Urlaubslektüre mit italienischem Flair sucht und über ein paar Ungereimtheiten hinweglesen kann, wird trotzdem seine Freude an diesem Krimi haben. 

Noch ein Hinweis zum Autor: Stefan Naglis wurde 1958 in Scherzingen am Bodensee geboren. „Der Schrei der Möwe“ ist sein dritter Roman. Sein erster Roman „Der Schatten des Geldes“ wurde mit dem Zürcher Krimipreis ausgezeichnet.

DER SCHREI DER MÖWE ist als Taschenbuch (376 Seiten) im Pendragon Verlag für ^12,95 Euro erschienen.

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