Mittwoch, 6. Februar 2013

BEWUSSTLOS - Konstruiert wirkender Thriller ohne Eigendynamik oder Überraschungen

Krimi-Rezension von Elke Heid-Paulus

Als Raffael erwacht, sind sein Bett und seine Sachen voller Blut. Er gerät in Panik, denn ihm fehlt jegliche Erinnerung an die vergangene Nacht. Es gelingt ihm nicht herauszufinden, was passiert ist, aber wenn er getrunken hat, weiß er nicht mehr, was er tut. Mordet vielleicht, ohne es zu wissen. 

Von seinen Eltern, die in der Toskana leben, fühlt er sich verraten und verlassen. Die beiden führen ein glückliches Leben und ahnen nicht, dass er in ihrer Nähe ist und sie längst im Visier hat. (Verlagsinfo)

Berlin und Toskana – die Schauplätze in Sabine Thieslers neuem Thriller „Bewusstlos“ sind uns bereits aus ihren vorherigen Büchern bekannt. Ebenso die Tatsache, dass ihre Hauptfigur hochgradig gestört ist. Vielleicht hat es sich ja nur zufällig ergeben, aber genau in der Mitte des Buches wird der Handlungsort gewechselt und ändert sich von Berlin nach Italien, was auf mich doch recht kalkuliert gewirkt hat.

Denn um den Protagonisten Raffael so zu entwickeln, dass der Leser sein Verhalten nachvollziehen kann, benötigt man keine 250 Seiten. Das hätte man wesentlich knapper halten können. Er ist ein eindimensionaler Charakter, und auch die aus der Sicht seiner Mutter Christine erzählten Rückblenden in die Vergangenheit machen aus diesem Psychopathen keinen Sympathieträger.

Er ist eiskalt bis ins Mark, hochgradig gestört, hat null Einfühlungsvermögen und lebt ohne Skrupel seine dunklen Triebe aus. Mir war das zu überzeichnet und klischeehaft, viel zu wenig differenziert: traumatisches Kindheitserlebnis, Tierquälereien, Jugendpsychiatrie, überforderte Eltern, Internat, Alkoholiker, unterdrückte Frustrationen und Aggressionen, die er nur im Zustand der völligen Trunkenheit abreagieren kann. Fehlt etwas?

Noch größere Probleme hatte ich allerdings mit dem Sprachniveau. Das Buch ist sehr dialoglastig und ohne sprachliche Finessen. Die Wortwahl ist, um es vorsichtig auszudrücken, sehr einfach gehalten und gleitet oft in Bereich ab, die ich noch nicht einmal mehr als Alltagssprache bezeichnen würde. So wird beispielsweise wiederholt der Ausdruck „Saulaune“ verwendet, der für mich in diesem Kontext völlig deplatziert gewirkt hat.

Ein konstruiert wirkender Thriller ohne Eigendynamik oder Überraschungen, anspruchslos geschrieben nach Schema F und genauso eiskalt wie der Protagonist!

BEWUSSTLOS ist gebunden  (512 Seiten) bei Heyne für 19,95 Euro erschienen.

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