Montag, 22. Oktober 2012

DER TOD VON SWEET MISTER - Schwer erträgliche Geschichte vom Erwachsenwerden unter widrigsten Umständen

Krimi-Rezension von Elke Heid-Paulus

Der dreizehnjährige Shug Akins wächst auf dem weiten Ozark-Plateau im Süden Missouris heran, ein Außenseiter inmitten der maroden Sehnsüchte des amerikanischen Hinterlands. Seine Mutter Glenda, eine verblühende Schönheit, hängt an der Flasche, während sein Vater Red die Familie mit unberechenbarer Gewalt tyrannisiert. 

Als Red beginnt, Shug zu Einbrüchen anzustiften, gerät das labile Gleichgewicht ins Schwanken. Shug lernt zu stehlen, zu lügen und aufzubegehren. Gerade da taucht Jimmy Vin Pearce auf, mit seinem grünen Ford Thunderbird und der Verheißung auf eine andere, bessere Welt. (Verlagsinfo) 

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des heranwachsenden Shug, geschrieben in der Sprache, die dem Slang der ungebildeten Hinterwäldler angelehnt ist. Der Junge hat keine Freunde, geht nicht zur Schule und ist damit beschäftigt, das alltägliche Leben der Erwachsenen zu organisieren. Von einer Familie kann man hier kaum sprechen: Glenda, die Mutter, ist lebensuntüchtig, alkoholabhängig und schwelgt in Erinnerungen an alte Zeiten, als sie noch jung, sexy und begehrenswert war. 

Red, ihr Lebensgefährte, ist ein zu Gewaltexzessen neigender Krimineller, der nur damit beschäftigt ist, den nächsten Bruch auszubaldowern, bei dem ihn Shug unterstützen muss. Glenda nennt den Jungen „Sweet Mister“ in Erinnerung an ihre große Liebe, aber sie verhält sich ihm gegenüber nicht wie eine Mutter, sondern kokett und provozierend. 

Sie geizt nicht mit ihren Reizen und ist sich zu keinem Zeitpunkt der Konsequenzen ihres Verhaltens bewusst. Und so nimmt dann auch eine verhängnisvolle Ödipus-Geschichte ihren Lauf. 

Die Erwachsenen bieten dem Heranwachsenden keine Werte und keine Orientierung, sondern leben lediglich ihren Trieben und ihren Süchten, ohne Reflexion und Gewissen. Ein mieses Leben, geprägt durch Mangel und Gewalt, in dem es keine Liebe sondern nur Begehren gibt, das unausweichlich in die Katastrophe führt.

Persönliche Meinung: 5***** (von 5 möglichen)

Der Autor Daniel Woodrell, von der Kritik als „White Trash Poet“ und der Erfinder des „Hillbilly Noir“ bezeichnet, hat eine Geschichte vom Erwachsenwerden unter den widrigsten Umständen, die man sich nur vorstellen kann, geschrieben. 

Ein Junge, der in ein Leben hineingeworfen wurde, aus dem es für ihn kein Entkommen mit heiler Haut gibt.

Ein erschütterndes Buch, das ich während des Lesens immer wieder zur Seite legen musste, weil die Beschreibung dieser unheilvollen Beziehungen fast nicht auszuhalten war. 

Mich hat „Der Tod von Sweet Mister“ (im Original 2001 erschienen) wesentlich stärker beeindruckt als Woodrells „Winters Knochen“ (im Original "Winter's Bone", 2006 erschienen), der literarischen Vorlage für den Oscar nominierten Hollywood-Film.

DER TOD VON SWEET MISTER ist gebunden (192 Seiten) bei Liebeskind in einer Übersetzung von Peter Torberg für 16,90 Euro erschienen.

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