Mittwoch, 31. Oktober 2012

GRENZFALL - Anspruchsvoller, realer Stoff und eine kompromisslos vielschichtige Erzählweise

Krimi-Rezension von Inge Blomenkamp

1992 starben an der deutsch-polnischen Grenze zwei Menschen. 2012 muss die Juristin Mattie Junghans ans Licht bringen, was seinerzeit wirklich geschah. Denn ihre Mandantin hat angeblich den Todesschützen von damals erstochen. Deutschland 1992. Im deutsch-polnischen Grenzgebiet fallen in den frühen Morgenstunden plötzlich Schüsse. Zwei Menschen sterben im Weizenfeld. Mord oder fahrlässige Tötung? Erst Jahre später kommt es zur Gerichtsverhandlung. Die Schützen werden freigesprochen. Der Dokumentarfilm "Revision" ist die filmische Untersuchung der damaligen Opfer- und Täterperspektiven. 

Merle Krögers Roman "Grenzfall" geht noch einen Schritt weiter.

Im ersten Teil zoomt sie sich literarisch an die handelnden Personen des Dramas im Grenzgebiet heran, im zweiten Teil, der heute spielt, schreibt sie die fiktive Geschichte der Kinder der Erschossenen und verstrickt sie ein weiteres Mal in einen Kriminalfall, der die Grenzen der europäischen Rechtsauffassung scharf ins Bild rückt:

Wir schreiben das Jahr 2012. In Rumänien kämpft die Wanderarbeiterin Adriana ums Überleben ihrer Familie und fasst einen verzweifelten Entschluss: Sie reist nach Deutschland und fordert Entschädigung für den Tod ihres Vaters. Doch die Sache läuft anders als geplant: Adriana landet in Untersuchungshaft. Sie wird beschuldigt, den Schützen von damals erstochen zu haben. Die Berliner Roma-Community schickt ihr Juristin Mattie Junghans als Rechtsbeistand. Aber Adriana vertraut der deutschen Anwältin nicht. (Verlags-Info)

Merle Kröger, geb. 1967 in Plön, lebt seit 1985 in Berlin und arbeitet als Filmemacherin, Produzentin, Drehbuch- und Romanautorin. Sie realisierte zahlreiche Dokumentarfilme, die erfolgreich auf deutschen und internationalen Festivals sowie im Fernsehen (ZDF, ARTE) liefen. 

„Grenzfall“ ist kein Krimi. „Grenzfall“ ist bittere Realität. Zumindest teilweise. Hierin zeigt sich die Stärke des Romans, aber auch seine Achillesferse - denn die Wahrheit in dieser Begebenheit ist trostlos und unbequem. 

Das vorliegende Werk beruht auf einer tatsächlichen Tragödie im Frühsommer des Jahres 1992 im deutsch-polnischen Grenzgebiet Mecklenburg-Vorpommerns. Unweit von Nadrensee werden zwei Menschen erschossen. Jäger hielten die Einwanderer aus Rumänien für Wildschweine - keine Fiktion, sondern traurige Wahrheit! 

1992 ist in der ostdeutschen Provinz die Welt noch „in Ordnung“. Die NPD hat in weiten Teilen die kommunalen Strukturen unterwandert. Anfang der 90er Jahre erlangen fremdenfeindlichen Verbrechen (Beispiel: Rostock-Lichtenhagen und Mölln) traurige Berühmtheit. Türkische Wohnhäuser oder Flüchtlingsunterkünfte werden in Brand gesteckt - keine Fiktion, sondern bittere Wahrheit! 

Das Grundrecht auf Asyl wird 1992 in einem so genannten „Asylkompromiss“ durch die Änderung des Grundgesetzes stark eingeschränkt. Diskutiert wird, ob Deutschland Einwanderungsland sein möchte, welche Gefahren Immigration birgt und ob Ausländerkriminalität eine Bedrohung für den inneren Frieden Deutschlands darstellt - keine Fiktion, sondern nachdenklich machende Wahrheit! 

Rumänische „Zigeuner“ sind 1992 im wahrsten Sinne des Wortes Freiwild. Im vorliegenden Fall werden nach vier Jahren die Täter noch nicht einmal der fahrlässigen Tötung für schuldig befunden. Wichtige Zeugen schiebt die Ausländerbehörde noch vor Eröffnung des Prozesses gegen die beiden Jäger ab. 

Die in Rumänien lebenden Angehörigen der Opfer werden vom Prozess und dessen Ausgang nicht einmal in Kenntnis gesetzt, erhalten demzufolge auch nicht die Gelegenheit eine Forderung auf Schmerzensgeld für Hinterbliebene zu stellen - immer noch keine Fiktion, sondern erbärmliche Wahrheit! 

Schon im Dokumentarfilm „Revision“, der seit September 2012 im Kino läuft, rekonstruierte Merle Kröger mit dem Regisseur Philip Scheffner in akribischer Kleinarbeit die Todesumstände und das unrühmliche Verhalten der deutschen Justiz in diesem Fall. In ihrem dritten Roman baut sie nun auf diesen Tatsachen auf und nimmt sich die Freiheit, eine hypothetische Fortsetzung im Jahr 2012 zu erschaffen. 

Namen und Orte sind geändert, Akteure sind nun die Kinder der Erschossenen. Adriana, eine der Hauptfiguren, versucht ihrer Familie zu helfen, die in ärmlichen Verhältnissen in Rumänien lebt. Die Familienmitglieder verdingen sich jedes Jahr als Erntearbeiter in Spanien, um in Rumänien über den Winter zu kommen. 

Doch die Rezession in Europa verstärkt die Konkurrenz auch unter den Wanderarbeitern. In ihrer Not macht sich Adriana auf nach Deutschland und spürt Uwe Jahn, einen der beiden Todesschützen von 1992, auf. 

Sinnt sie nach Rache oder will sie nur eine finanzielle Entschädigung für das erlittene Leid der Familie fordern - es bleibt zunächst offen. Als Jahn aus dem 8. Stock eines Hauses stürzt, gerät Adriana in Verdacht, ihn ermordet zu haben. 

Hier kommt Matti Junghans ins Spiel. Sie stellt als Juristin Ermittlungen für eine Berliner Anwaltskanzlei an und rollt den Fall der erschossenen Roma von 1992 wieder auf. Wer die ersten beiden Krimis von Merle Kröger kennt, dem wird Matti schon vertraut sein. 

Sie ist Halb-Inderin, lebt zeitweise in einem 30 Jahre alten Reisebus, ist sympathisch, beharrlich, mutig - aber auch eigen, rastlos und unausgeglichen. Ohne Kenntnis der Vorgeschichten fällt es manchmal schwer, Matties kompliziertes (Liebes)leben und ihr Handeln zu verstehen. Ein kleines Manko, das man auch noch auf andere Protagonisten im Roman übertragen kann. 

Zudem wird der „Grenzfall“ aus der Perspektive von mindestens fünf Familien, teilweise in zwei Zeitebenen (1992 und 2012), geschildert. Dies verlangt dem Leser einiges an Konzentration und Denkkraft ab. 

Persönliche Meinung: 5***** (von 5 möglichen)

„Grenzfall“ ist kein Buch, das man mal eben zwischendurch lesen kann. Die Thematik des Romans ist anspruchsvoll, Krögers Art zu schreiben auch. Wer eher eine knifflige Tätersuche bevorzugt, wer rasante Action liebt oder gar genüsslich in die psychologischen Hintergründe eines Verbrechens eintauchen möchte, ist mit „Grenzfall“ nicht gut bedient. 

Merle Kröger hat andere Ambitionen. Ihre Motive sind soziale Konflikte, Rassismus, Mittäterschaft, Wut, Armut und Verzweiflung aber auch Zivilcourage, Vertrauen, Moral und Charakterstärke. Ein Gedanke allerdings, der sich beim Lesen einschlich, sollte nicht unerwähnt bleiben: Im fiktiven Teil des Romans wird der Besuch einer rumänischen Roma-Siedlung als gefährliches Unterfangen dargestellt. Ist das so? 

Adriana wird als Kind und als erwachsene Romni beschrieben, der stets ein Messer im Stiefel steckt. Werden auch hier Vorurteile bedient? 

Merle Krögers Vita, ihre Vorarbeiten zum Dokumentarfilm „Revision“ und ihr Engagement zum Thema Rassismus sprechen allerdings dagegen. Und da ich aus eigener Anschauung den Wahrheitsgehalt zur geschilderten Lebensart der Roma nicht beurteilen kann, fließt dieser Aspekt in die Bewertung nicht ein. 

Wer sich also von einem anspruchsvollen Stoff und einer kompromisslos vielschichtigen Erzählweise nicht schrecken lässt, wird von diesem gut recherchierten und informativen Werk begeistert sein. Aus diesem Grund möchte ich trotz meiner geschilderten Vorbehalte 5 ***** (von 5 möglichen) vergeben.

GRENZFALL ist als Ariadne-Krimi (broschiert, 347 Seiten) im Argument Verlag für 11,00 Euro erschienen.

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