Freitag, 19. Oktober 2012

77 TAGE - Sozialkritik fesselnd und markant verpackt

Krimi-Rezension Stefanie D. Sterl

Die junge Detektivin Lila und ihr Partner Ben Danner sollen herausfinden, ob hinter den ungewöhnlich hohen Todesfallzahlen eines Pflegedienstes mehr steckt als ein Zufall. Inkognito ermitteln sie im Betreuerteam. Zufällig stößt Lila auf ein Blog und lernt darin sehr überraschende Seiten ihrer neuen Kolleginnen kennen. 

Doch dass eine Mörderin unter ihnen ist, mag sie nicht recht glauben. Immerhin lenken die Recherchen sie von einem ganz anderen Problem ab, denn plötzlich steht ihr Bruder vor der Tür. Und der kommt nicht in friedlicher Absicht … (Verlags-Info)

Sie ist wieder da! Lucie Flebbe mit ihrem Detektivduo Lila Ziegler und Ben Danner, das nach "Der 13. Brief", "Hämatom" und "Fliege machen" nun auch zum vierten Mal ermittelt.

77 TAGE und ist (wie gewohnt) leider erneut nur ein relativ dünnes Buch mit 256 Seiten Lesevergnügen. Schade, denn Flebbes Bücher sind wunderbar flüssig zu lesen sind.

Wie schon bei ihrem letzten Krimi "Fliege machen" (Thema: Obdachlosigkeit) bringt Flebbe auch diesmal wieder viel Sozialkritik mit ins Spiel, die beim Leser eine bedrückende Stimmung auslöst. Sehr authentisch blickt sie dabei zusammen mit dem Leser hinter die Kulissen des harten Alltags eines Betreuungsdienstes, der insbesondere den Pflegekräften psychisch und physisch enorm viel Kraft abverlangt.

Kritik an der Fragwürdigkeit des Gesundheitssystems darf da natürlich nicht fehlen. Ebenfalls bewegend ist Flebbes Fokus auf einzelne Schicksale wie z.B. das der Pflegekraft Bella, die seit Jahren ein Ehemartyrium erleidet und dies einem Blog im Netz anvertraut.

Zu all dem Leid kommen noch die persönlichen Schicksale der Protagonisten Lila und Ben, welches insbesondere Lila aufgrund ihrer brutalen Vergangenheit (mit ihrem Vater) traumatisiert hat.

Persönliche Meinung:
4,5 Sterne (von 5 möglichen)
als Roman nicht als Krimi gewertet.

Die ausgeprägte Sozialkritik  geht leider zu Lasten eines ausgefeilten Spannungsaufbaus, an dem es hin - und wieder mangelte. In "Fliege machen" war dies besser geglückt

Auch wenn das Buch keinesfalls langweilig oder spröde ist (durch die authentische Erzählweise wirkt es  enorm eindringlich und nachwirkend), würde ich trotzdem nicht von einem Krimi sprechen. Dazu fehlte die  klassische Krimispannung.

Großes Lob an die Covergestaltung und die Fotografin Anna-Lena Thamm, die mich abermals mit dem geheimnisvollen, schwarzhaarigen Mädchen auf dem Buchcover zum Nachdenken brachte. Dieses Mädchen im Schneewittchen Look (Lippen, so rot wie Blut und mit Haaren, so schwarz wie Ebenholz) ist mittlerweile eine Art "Markenzeichen" auf den Flebbe-Covern geworden. Wie üblich starrt es den Betrachter an, was in Verbindung mit der zerbrochenen Glasscheibe, durch die sie hindurchschaut, eine Gänsehaut hinterlässt...

Fazit: Luccie Flebbes außergewöhnliche Art und Weise auf sozialkritische Zustände hinzuweisen und den Leser dabei zu fesseln ist mitreißend und markant. Auch wenn ich die Sterne-Bewertung nicht für einen Krimi sondern für einen kritischen Roman abgebe, so ist 77 TAGE auf jeden Fall ein wirklich gelungenes Werk!

77 TAGE von Lucie Flebbe ist als Taschenbuch (256 Seiten)  im Grafit Verlag für 9,99 EUR erschienen.

Kommentare:

  1. Das war bisher mein erstes Buch, was ich von Lucie Flebbe gelesen habe. Es mag stimmen, dass es nicht in die Reihe der klassischen Krimis passt. Aber trotzdem fesselt das Buch und man muss weiterlesen. Die Autorin spart nicht mit Kritik und der Leser erfährt viel über die Altenpflege. Insgesamt hat mir das Buch gefallen.

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  2. Da sind wir ganz Ihrer Meinung. ☺

    Wenn Ihnen "77 Tage" gut gefallen hat, dann wird auch "Fliege machen" von Lucie Flebbe Ihren Geschmack treffen, den wir noch eine Spur besser fanden.

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