Sonntag, 16. September 2012

VISBY erzählt ausdrucksvoll von trügerischen Realitäten, von Liebe & Frieden, von Hass & Neid

Krimi-Rezension von Inge Blomenkamp

Zwei Frauen auf der Suche. Sie haben Fragen, die ihnen nur eine Reise in die Vergangenheit beantworten kann, und sie geraten in ein Gewirr aus Liebe, Verbrechen und Verrat - und an Menschen, die sehr weit gehen würden, um sich zu schützen. Doch auch die beiden müssen sich entscheiden: Wollen sie festhalten, was sie haben, oder alles riskieren? Eine junge Wissenschaftlerin, ein rätselhafter Tod, einem Waffenhändler auf der Spur. Dhanavati war fünf, als ihre Mutter bei Visby von den Klippen sprang. 

Danach brach alles auseinander. Die spirituelle Kommune, in der sie gelebt hatten, löste sich auf, Eglund, der Kopf der Gruppe, wurde wegen Drogenhandels verhaftet. Sogar Adrian, der sich stets liebevoll um Dhanavati gekümmert hatte, ließ sie allein. Jetzt, über zwanzig Jahre später, will die junge Mathematikerin endlich Klarheit. Warum hat ihre Mutter Selbstmord begangen? 

Und wer ist ihr Vater? Adrian, der inzwischen mit Annika zusammenlebt? Oder der charismatische Guru Bengt Eglund? Eine Spurensuche beginnt - und nimmt schnell eine bedrohliche Wendung, als sich herausstellt, dass Eglund inzwischen im internationalen Waffen geschäft tätig ist. Zwei Unbekannte heften sich an Dhanavatis Fersen, sie wird beschuldigt, Forschungsgeheimnisse ihres Instituts verraten zu haben. Plötzlich ist niemand mehr auf Dhanavatis Seite, und ihre Suche gerät zur Flucht. (Verlags-Info

Barbara Slawig (die Autorin) ist schon erstaunlich. Studium der Biologie, Forschungsjahr an der Leeds University, Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin, Promotion über Meningitis-Epidemien in Westafrika - um anschließend ihrem Schaffensdrang eine ganz neue Richtung zu geben: Sie übersetzt englischsprachige Belletristik und schreibt Erzählungen und Romane, die vorwiegend dem Science-Fiction-Genre angehören. Unter dem Pseudonym Carla Rot veröffentlicht sie Krimis. 

Gerade ist ihr neuester Roman erschienen: „Visby“, ein literarischer Werk zur Zeitgeschichte der 60er/70er Jahre mit Krimielementen. Visby ist eine Stadt an der Westküste der schwedischen Ostseeinsel Gotland. Hier beginnt die sehr lebendige und spannende Erzählung um Beziehungsdramen, die ihren Ursprung in der Hippiekultur der Sixties haben und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart spürbar sind. 

Die Vergangenheit holt die Überlebenden ein. Hautnah erlebt man den Konflikt zwischen den Ansprüchen einer ehemaligen Hippiekommune an sich selbst, und den Abgründen, die sich auftun, wenn mit dem Abstand von Jahrzehnten hinter die Fassaden der inzwischen ergrauten "Altsechziger" geblickt werden kann. 

Diverse Rückblicke führen in diese Zeit der „Blumenkinder“, die nicht nur dem Leistungsdruck der Gesellschaft entfliehen wollten, sondern ein freiheitliches, pazifistisch-soziales, tolerantes Gemeinschaftsleben postulierten und damit neue, menschlichere Lebensweisen und Umgangsformen finden wollten. 

Der Generation 50+ (zu der ich gehöre) dürften diese Sequenzen besondere Freude bereiten – erinnern sie doch an Zeiten von Flower-Power mit der Idee von einem humaneren und friedlicheren Leben und damit an unsere Jugend. 

 „Visby“ ist kein klassischer Krimi, keine aufwändige Analyse eines Mörders, die Verbrechen treten beinahe in den Hintergrund. Es finden sich vielmehr eindringliche, stimmungsvolle Bilder von Liebe und Frieden, Hass und Neid. 

Manches erinnert an Detektivgeschichten mit ihrer Kombinatorik, Intuition und logischen Schlussfolgerungen – doch auch in diese Schublade will „Visby“ nicht so recht passen. 

Der Roman ist vielschichtig, verknüpft mehrere Handlungsstränge und schildert die gleichen Vorkommnisse aus der jeweiligen Sicht verschiedener Personen: Dhanavati, die ihren Vater und die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter finden möchte, wühlt in alten Erinnerungen. Sie ist ein Mensch mit vielen Facetten, teils mutig und entschlossen, dann mit Panikattacken und dem Gefühl, nirgendwo dazu zu gehören. 

Annika wühlt unfreiwillig in der Vergangenheit ihres Lebensgefährten Adrian. Letztendlich wird ihr gesamter Lebensentwurf in Frage gestellt und sie muss eine schwierige Entscheidung treffen. 

Der dritte Protagonist ist Jens Nilsson, der während der Recherche zu einem Fall von Industriespionage ganz andere Wahrheiten aufdeckt und beinahe zu spät erkennt, wie tief er sich selbst in das Geflecht aus Lüge, Verrat und Intrigen um Dhanavati verstrickt hat. 

Die Realität ist trügerisch und variiert je nach dem Blickwinkel der verschiedenen Personen. Trotzdem hat die Autorin die Handlungsstränge ihrer Geschichte bis in alle Einzelheiten durchdacht, so dass alle verwobenen Fäden in den letzten Seiten spektakulär aber nachvollziehbar zu entwirren sind. 

Persönliche Meinung: 5 ***** (von 5 möglichen)

Trotz schwerer Themen wie schwedische Außenpolitik, Drogenpolitik, Rüstungsforschung, Biowaffen oder Waffenhandel gelingt es der Autorin mit ihrem packenden Erzählstil und einer ausdrucksvollen Sprache eine dramatische Spannung aufzubauen, deren Ereignisse auf ihrem Höhepunkt kurz vor dem Ende noch einmal eine überraschende Wendung nehmen - unfassbar aber nicht unglaubwürdig. Vom Ende dürften nur ausgefuchste Krimifans nicht überrascht sein. 

Von Barbara Slawig möchte man mehr lesen. Ihre präzise und doch so schöne Sprache ist eine Bereicherung für jedes Genre. Ob Krimi, Gesellschaftsroman oder vielleicht eine ganz andere Stilrichtung – ich freue mich auf ihr nächstes Werk.

VISBY ist gebunden (416 Seiten) bei Bloomsbury Berlin für 19,99 Euro erschienen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.