Mittwoch, 19. Mai 2010

NACHGEFRAGT bei Lars Rambe - Schwedischer Krimi-Autor in Afrika

Denkt man an schwedische Krimi-Autoren, so sieht man sie gedanklich in Schnee und Eis, der Einsamkeit trotzend, in idyllisch schöner Landschaft ihre grausigen Morde zu Papier bringen. Die Realität sieht hier und da oft ganz anders aus.

Wir haben mal beim schwedischen Krimi-Autor Lars Rambe (DIE SPUR AUF DEM STEG) nachgefragt, wie und wo er zur Zeit seine neuen Verbrechen ersinnt und haben nicht schlecht gestaunt, ihn gar nicht in seiner Heimat Schweden anzutreffen sondern in Afrika, genauer gesagt in Nairobi (Kenia), wo er zur Zeit mit seiner Familie lebt und so freundlich war, uns dieses Interview zu geben:

Herr Rambe, Sie leben jetzt in Afrika. Sind Sie das schwedische Wetter leid?

Nairobi in Kenia ist ein schöner Ort zu leben, vor allem wenn man über ausreichende Mittel verfügt, um das zu tun, was man gerne möchte. Der schwedische Sommer ist übrigens -im Gegensatz zu den anderen Jahreszeiten- fantastisch.

Doch das Wetter war für unseren Umzug nicht ausschlaggebend. Meine Frau hat hier die Chance sich für etwas wirklich Wichtiges einzusetzen: die Bekämpfung der Armut der Fischer des Viktoria-Sees. Gleichzeitig gibt es mir die Möglichkeit, mich voll auf die Schriftstellerei zu konzentrieren.

Sie kommen aus einer künstlerisch veranlagten Familie. Einer Ihrer Brüder ist Komponist, einer ist Tänzer des Königlich Schwedischen Balletts. Wie kam es, dass Sie zuerst Jura studierten und Anwalt wurden?

Schreiben war schon immer meine Leidenschaft. Doch die Idee, tatsächlich ein Buch zu schreiben, kam mir erst später. Ich schätze, ich musste erst einige Lebens-Erfahrungen sammeln und mich an anderen Dingen versuchen, bevor ich zum Schreiben bereit war. Verschiedene kulturelle Welten haben meine Wertvorstellungen schon sehr früh geprägt, doch ich habe lange Zeit nicht gewusst in welche dieser Welten ich wirklich gehöre.

Ich überlegte zunächst Journalist zu werden, beschloss dann aber, Jura zu studieren, um Erfahrungen zu sammeln. Dann entdeckte ich die Kunst der Verhandlung und Vertragsgestaltung. Das hat mich sehr interessiert, und das tut es immer noch, und ich machte darin Karriere.

Im Laufe der Zeit aber merkte ich, dass etwas fehlte. Romane schreiben hat diese Lücke gefüllt. Ich kann mir nichts vorstellen, was ich lieber machen würde.

Ihr erster Krimi DIE SPUR AUF DEM STEG beginnt in den 60er Jahren in einer Irren-Anstalt in Strängnäs, einer schwedischen Kleinstadt. Sie lebten tatsächlich in diesem Ort. Gibt es die Protagonisten der Story, wie z.B. den Journalisten Frederik Gransjö wirklich? Hat dieses Krankenhaus jemals real existiert?

Fredrik Gransjö ist ein rein fiktiver Charakter, aber er ist wohl der Charakter, der mir selbst am nächsten steht. Bei meiner Recherche für die Geschichte in Strängnäs habe ich schnell begriffen, dass dies der Charakter war, den ich für die Geschichte brauchte, so konnte ich meine eigene Großstadt-Sicht (ich bin gebürtiger Stockholmer) auf das Leben in einer Kleinstadt einbinden, so wie Frederik Gransjö.

Das Krankenhaus Sundby existiert tatsächlich. Die Gebäude sind immer noch da. Alle Fakten über das Krankenhaus im Krimi sind mehr oder weniger genau, aber was dort geschieht, die Geschichte, ist reine Fiktion.

Zunächst veröffentlichten Sie den Krimi DIE SPUR AUF DEM STEG selbst. Das erfordert Ausdauer und Hartnäckigkeit. Wie haben Sie es geschafft, den Verkauf Ihres Buches so rasch zu steigern, dass ein bekannter Verlag Ihnen einen Vertrag anbot?

Ich habe an meine Geschichte geglaubt, und ich hoffte auf das lokale Interesse in Strängnäs, das sich tatsächlich zeigte- viel mehr als erwartet. Dann machte ich mich auf und verbrachte viel Zeit mit Signierstunden und Präsentationen.

Dem Taschenbuch Verlag, der mir einen Vertrag in Schweden anbot gefiel mein Stil, aber noch wichtiger, ihm gefiel die Geschichte. Doch der Verlag hätte wahrscheinlich nie ein Exemplar des Buches erhalten, wenn mir nicht ein Stockholmer Buchhändler empfohlen hätte, den Krimi dort hinzusenden.

Im Juni (2010) wird in Schweden Ihr zweiter Krimi mit dem Titel SKUGGANS SPEL (SCHATTENSPIEL) veröffentlicht. Wenn Sie einen neuen Kriminalroman beginnen, wissen Sie von Anfang an, was passieren wird, wer Opfer und wer Mörder sein wird, oder entwickelt sich die Geschichte während des Schreibens?

Ich denke, jede neue Geschichte hat ihre eigenen Bedingungen und entwickelt sich anders. Bei diesen beiden Büchern, hatte ich kein klares Bild vom Ende. Ich sah die wichtigsten Szenen in meinem Kopf und baute sie beim Schreiben aus.

Wobei der zweite Krimi in der Reihenfolge mehr geplant war als der erste, doch die Erfahrung war ähnlich. Ich arbeite zur Zeit an meinem dritten Kriminalroman und da verfolge ich einen ganz anderen Ansatz ...

Wird der zweite Krimi wieder eine Geschichte um Frederik Gransjö in Strängnäs sein?

Ja. Es sind allerdings von einander unabhängige Geschichten. Sowohl Frederik als auch viele der anderen Charaktere werden wieder dabei sein.

Ich plane mehrere Krimis in dieser Serie. In DIE SPUR AUF DEM STEG kommen sehr viele Personen während eines Zeitraums von 40 Jahren vor und fordern vom Leser eine Menge Konzentration.

Ist der neue Krimi wieder so komplex?

Haha. Der neue Geschichte liegen ganz andere Motive zugrunde als der ersten und dadurch kommt es nicht wieder zu parallel laufenden Handlungssträngen. Allerdings erfreut sie sich auch einer reichhaltigen Galerie an Charakteren, denn ich möchte dem Leser beim Lesen etwas zu denken geben, so dass eine gewisse Komplexität unvermeidlich, ja sogar erwünscht ist.

Wie lange schreiben Sie an einem Krimi, vom ersten Satz bis zum letzten?

Auch hier denke ich, dass es natürlich von der Geschichte abhängt und wie konzentriert der Autor daran arbeitet. Bei meinem ersten Buch war es genau ein Jahr. Der zweite Roman brauchte fast zwei Jahre, aber hier war der Start verzögert.

Beeinflussen Ihre Eindrücke in Afrika Ihr Schreiben?

Ich bin sicher, dass sie das bereits tun. Allerdings gibt es immer eine zeitliche Verzögerung in der Arbeit eines Schriftsteller, da es einige Zeit dauert, bis man eine Idee entwickelt und umgesetzt hat und sie dann erst zu Papier bringt. Zumindest ist das bei mir so.

Derzeit arbeite ich an einer Geschichte, die in Stockholm spielt. Aber ich trage mich mit einigen interessanten Ideen und wenn ich sie verwirkliche, wird der dritte Roman in der Serie der Strängnäs-Krimis eine ausgeprägte afrikanische Note bekommen.

Können Sie sich vorstellen, auch mal über etwas anderes als "Mord und Totschlag" zu schreiben?

Ich habe nicht alle literarischen Türen geschlossen und ich möchte mich auch nicht selbst auf Kriminalromane beschränken. Wer weiß, vielleicht versuche ich mich eines Tages an einem großen Roman. Das bleibt abzuwarten.

Die Literatur interessiert mich in ihren vielen verschiedenen Formen und Gestalten. So habe ich mich in letzter Zeit zum Beispiel für die Veröffentlichung eines Slam Poetry Buch mit dem Titel "Racism is a Muthaphukka " von Peter Douglas eingesetzt .

Es ist ein Buch mit Reimen über die Hip-Hop-Musik-Tradition und ein starkes Statement gegen Rassismus. Es befasst sich außerdem mit sozialen Ungerechtigkeiten, Korruption und anderen Ungerechtigkeiten in dieser Welt. (Anm. KK: "Muthaphukka" ist die Lautmalerei eines hinlänglich bekannten engl. Schimpfwortes)

Letzte Frage: Wird Ihr neuer Krimi auch in Deutschland veröffentlicht werden?

Ich hoffe es! Ich bin über das Interesse meiner deutschen Leser sehr glücklich und es wäre mir eine Freude, wenn sie auch meine nächsten Krimis verfolgen könnten.

Wir bedanken uns ganz herzlich für dieses Interview!
Ich danke Ihnen. Es war mir ein Vergnügen.


(Foto © Lars Rambe 2010 / Dieses Interview wurde in englisch geführt und nach bestem Wissen und Gewissen von uns übersetzt)

1 Kommentar:

  1. Danke für das tolle Interview! Nicht nur, daß DIE SPUR AUF DEM STEG toll ist, auch der Mensch und Autor Lars Rambe macht einen sehr sympathischen eindruck.
    Ich freue mich sehr auf das nächste Buch/Hörbuch. Ich mag es, wenn die Menschen aus dem ersten Buch teilweise auch in der nächsten Geschichte wieder auftauchen.
    Ich hoffe, Lars Rambe schreibt noch viele Krimis!

    viele liebe Grüße
    Nicole Ludwig

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